Wenige Stunden bevor die Landschaft erneut im Schnee versank habe ich am 06.02.2021 die Geleitete Linde im Polenzpark der Gemeinde Cunewalde besucht. Anlass war die von Klaus veröffentlichte Liste geleiteter Linden im Forum.
Der im Jahr 1880 vermutlich nach Plänen von Johann Call Friedrich Bouché gestaltete Landschaftspark im englischen Stil wurde nach starken Hochwasserschäden in den letzten Jahren wieder hergestellt. Bouché war von 1873 bis 1922 königlicher Gartenbaudirektor im Großen Garten Dresden, also regional nicht ganz unbedeutend.
Allgemein wird behauptet, dass der Park in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Verluste an Bausubstanz und Gehölzen hinnehmen musste. So sind neben dem Schloss auch alle dendrologische Seltenheiten verloren gegangen. Bei einem Sturm im Jahr 1991 fiel dann auch noch die mindestens 300 Jahre alte Stufenlinde um. Diese in drei Etagen geleitete Linde stand ursprünglich unmittelbar neben der Brücke des Wasserschlosses. Im Jahr 1994 erfolgte eine Neupflanzung am alten Standort.
Dazu ein Auszug aus "Nachwuchs bei den Tanzlinden" der TASPO Baumzeitung 06/2007 von Prof. Dr. Andreas Zehnsdorf:
"Eine Besonderheit ist auch die junge geleitete Winterlinde (Tilia cordata) im Polenzpark in Cunewalde im sächsischen Landkreis Bautzen (51°05’40.7“ N, 014°32’32.2“ E). Sie wurde 1994 an derselben Stelle gepflanzt, an der bis zum Dezember 1991 die alte Stufenlinde vor dem ehemaligen Herrenhaus stand. Die sechs geleiteten Äste werden in etwa 2,5 m Höhe von einer Metallkonstruktion getragen, die auf sieben Granitsäulen aufliegt. Die Linde hat zurzeit einen Stammumfang von 1,35 m, einen Kronendurchmesser von 11,5 m und ist 9,0 m hoch. Dieser Baum ist der einzige in Sachsen mit geleiteten Ästen und einer von Säulen getragenen Stützkonstruktion."
Meine Messergebnisse vom 06.02.2021: Höhe 14 m, Kronendurchmesser 13 m, Stammumfang in 1 m Höhe 154 cm, Stammumfang in 1,30 m Höhe 149 cm, aktuelle Standortangaben 51.094735, 14.542288.
Die unteren Äste wurden neben der Konstruktion aus Stahl und Granitsäulen zusätzlich mit einigen Rundhölzern abgestützt. Um das Erscheinungsbild der alten Linde zu erzielen (siehe Zeichnungen auf der Info-Tafel) müsste die zweite Etage ebenfalls geleitet werden.
Archäologischen Grabungen legten zudem Teile der ursprünglich zweibogigen Brücke des Schlosszuganges unmittelbar neben der Linde frei und stellen somit aktuell den Zusammenhang zum nicht mehr existierenden Schloss wieder her.
Anbei ein paar aktuelle Fotos.
Gruß Hilmar
Geleitete Linde in Cunewalde, Register-Nr.: 1043
Moderatoren: Klaus Heinemann, baumlaeufer, JoachimSt
Geleitete Linde in Cunewalde, Register-Nr.: 1043
- Dateianhänge
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- Ansicht aus Richtung West
- DSC09541 (2).JPG (1.36 MiB) 124 mal betrachtet
-
- Brücke und Linde
- DSC09543 (2).JPG (1.23 MiB) 124 mal betrachtet
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- Hinweistafel mit Darstellung der alten Linde
- DSC09547.JPG (720.07 KiB) 124 mal betrachtet
- Klaus Heinemann
- Moderator
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- Wohnort: Eschwege
Re: Geleitete Linde in Cunewalde
Hallo Hilmar,
das ist ja eine gute Aktion mit dem Besuch der seltenen Sächsischen "Tanzlinde" / geleiteten Linde!
Ich hatte schon alles versucht, um an ein Foto davon zu gelangen...
Wenn die Verantwortlichen versuchen wollten weitere Etagen auszuleiten, müssten sie bald damit beginnen.
Der Aufwand ist allerdings nicht zu unterschätzen, es steht sicherlich viel Arbeit dahinter.
Der Materialaufwand hält sich dabei aber in Grenzen - ich habe in meinem Heimatort
eine (privat) geleitete Ulme gesehen, die von einer sehr einfachen Konstruktion gehalten wird.
Die Geleitete Linde in Cunewalde ist jetzt im Register.
Gruß Klaus
das ist ja eine gute Aktion mit dem Besuch der seltenen Sächsischen "Tanzlinde" / geleiteten Linde!
Ich hatte schon alles versucht, um an ein Foto davon zu gelangen...
Wenn die Verantwortlichen versuchen wollten weitere Etagen auszuleiten, müssten sie bald damit beginnen.
Der Aufwand ist allerdings nicht zu unterschätzen, es steht sicherlich viel Arbeit dahinter.
Der Materialaufwand hält sich dabei aber in Grenzen - ich habe in meinem Heimatort
eine (privat) geleitete Ulme gesehen, die von einer sehr einfachen Konstruktion gehalten wird.
Die Geleitete Linde in Cunewalde ist jetzt im Register.
Gruß Klaus
irgendwann reduziert sich alles
auf seinen tatsächlichen Wert
auf seinen tatsächlichen Wert
Re: Geleitete Linde in Cunewalde, Register-Nr.: 1043
Hallo Hilmar,
Ich hätte mir ganz naiv eingebildet, dass die Äste in solchen Fällen eher nach unten gezogen und nieder gehalten werden müssen, damit sie nicht in natürlichem Habitus nach oben schießen. Bei der Linde in Oppach sieht man doch sehr deutlich, wohin die Äste wachsen, wenn sie frei wachsen dürfen. Was würde dort ein "Abstützen" bringen?
Rätselnde Grüße!
bitte mal für einen Muggel zum Verständnis: Warum müssen die Äste hier "abgestützt" werden?
Ich hätte mir ganz naiv eingebildet, dass die Äste in solchen Fällen eher nach unten gezogen und nieder gehalten werden müssen, damit sie nicht in natürlichem Habitus nach oben schießen. Bei der Linde in Oppach sieht man doch sehr deutlich, wohin die Äste wachsen, wenn sie frei wachsen dürfen. Was würde dort ein "Abstützen" bringen?
Rätselnde Grüße!
Re: Geleitete Linde in Cunewalde, Register-Nr.: 1043
Hallo Biloba,
aufgrund des Baumalters ist die Stärke der Äste in Höhe der Konstruktion aus Stahlträgern und Granitsäulen so gering bemessen, dass die Äste dort nicht halten, sondern bei Schwingung von der Konstruktion abrutschen würden. Daher stützen zusätzliche Rundhölzer diese Äste zwischen Stamm und Konstruktion ab.
Das Aufstreben von Ästen findet derzeit eher in der zweiten Ebene statt. Hier sollte, wie von Klaus empfohlen, zeitnah eine Fixierung der Äste zusätzlich zu einem Formschnitt stattfinden. Dafür eignen sich sowohl Holzkonstruktionen, die Äste können aber auch mit breiteren Bändern an der Konstruktion in der ersten Ebenen herabgezogen und befestigt werden.
Gruß Hilmar
aufgrund des Baumalters ist die Stärke der Äste in Höhe der Konstruktion aus Stahlträgern und Granitsäulen so gering bemessen, dass die Äste dort nicht halten, sondern bei Schwingung von der Konstruktion abrutschen würden. Daher stützen zusätzliche Rundhölzer diese Äste zwischen Stamm und Konstruktion ab.
Das Aufstreben von Ästen findet derzeit eher in der zweiten Ebene statt. Hier sollte, wie von Klaus empfohlen, zeitnah eine Fixierung der Äste zusätzlich zu einem Formschnitt stattfinden. Dafür eignen sich sowohl Holzkonstruktionen, die Äste können aber auch mit breiteren Bändern an der Konstruktion in der ersten Ebenen herabgezogen und befestigt werden.
Gruß Hilmar
- baumlaeufer
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Re: Geleitete Linde in Cunewalde, Register-Nr.: 1043
Oh, Bilobabiloba hat geschrieben: ↑08 Feb 2021, 20:46Hallo Hilmar,
bitte mal für einen Muggel zum Verständnis: Warum müssen die Äste hier "abgestützt" werden?
Ich hätte mir ganz naiv eingebildet, dass die Äste in solchen Fällen eher nach unten gezogen und nieder gehalten werden müssen, damit sie nicht in natürlichem Habitus nach oben schießen. Bei der Linde in Oppach sieht man doch sehr deutlich, wohin die Äste wachsen, wenn sie frei wachsen dürfen. Was würde dort ein "Abstützen" bringen?
Rätselnde Grüße!
Ich habe 2014 die Limmersdorfer Kirchweih live miterlebt und mich auch im Tanzlindenmuseum daneben kundig gemacht. Das Filmchen über den Tanz in der Linde kriege ich hier nicht eingebunden, aber über meine Website.
Die Belastung würde ein nach unten geleiteter Ast nie halten.
Baumlaeufer
Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt (Khalil Gibran)
www.na-tour-denkmal.de
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