Störeinfluss von Fichten auf Moore

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Borg_07
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Störeinfluss von Fichten auf Moore

Beitrag von Borg_07 »

Hallo liebe Leute,

ich bin derzeit dabei zu ermitteln, warum als Renaturierungsmaßnahme in Mooren vor allem die Entnahme von Fichten oft an erster Stelle steht.
Fichten sind Gebietsfremd (wurden ja nur aus wirtschaftlichen Gründen hier [wenn auch schon vor Ewigkeiten] hier angesiedelt) das ist klar, aber was sind die tatsächlichen Störeinflüsse?
Zu starke Wasserzehrung (machen Kiefern und Birken sowiet ich weiß ja nicht weniger)? Zu starker Nährstoffeintrag? Zu stark Lichthemmend?

Wäre schön da etwas kundiges zu hören.

Lg,
Borgi

Yogibaer
Beiträge: 1031
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Re: Störeinfluss von Fichten auf Moore

Beitrag von Yogibaer »

Renaturierung von Mooren bedeutet ja eine Wiedervernässung des Areals durch Anhebung des Grundwasserspiegels.
Die Fichte ist bei uns auf den mittleren bis hohen Hanglagen der Alpen oder in den östlichen Mittelgebirgen (incl. Schwarzwald und anderen Kleinflächigen Gebieten) einheimisch und ist ein Flachwurzler. Das zeigt das sie eher auf flachgründigen Boden mit guter Wasserführung fortkommt.
Wenn man ein Moor renaturiert würden durch den ansteigenden Grundwasserspiegel die Wurzeln Schaden nehmen und bei Sturm oder Schneedruck können sie den Baum nicht mehr festhalten und das Moor würde eine Kraterlandschaft mit vielen hochstehenden Wurzeltellern werden.
Ein Moor ist aber auch die Heimat von vielen lichthungrigen Pflanzenarten die sich bei übermäßiger Beschattung nicht einstellen werden und es würde sich ein Sumpf entwickeln. Die Birke ist zwar ein sehr starker Wasserzehrer (Was würde das dem Moor ausmachen wenn der Grundwasserspiegel konstant bleibt?) aber auch eine der lichtdurchlässigsten Lichtaumarten.
Gruß Yogi

Spinnich
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Re: Störeinfluss von Fichten auf Moore

Beitrag von Spinnich »

Vergleiche mal das Bild "Moorbirkenwald" auf Wikipedia.
Das kann man mit Fichtenwald nicht vergleichen.
Zwar können in dem zu vernässenden Areal sich auch Sandbirken angesiedelt haben, die bei starkem Anstieg des Grundwassers ebenso wie Fichten absterben würden. Die verrotten aber eher allmählich ohne zu entwurzeln und Krater zu bilden, wie in diesem Beitrag diskutiert wurde.

LG Spinnich :)
Das Talent der Menschen, sich einen Lebensraum zu schaffen, wird nur durch ihr Talent übertroffen, ihn zu zerstören.
- Georg Christoph Lichtenberg -

Borg_07
Beiträge: 6
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Re: Störeinfluss von Fichten auf Moore

Beitrag von Borg_07 »

Danke für eure Antworten :). Hilft weiter.

Lg

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stefan
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Re: Störeinfluss von Fichten auf Moore

Beitrag von stefan »

Fichten, die im Moor wachsen, sind m.E. vor allem auch ein Zeichen für den bereits gestörten Wasserhaushalt.
Das Entfernen der Fichten entfernt also einen Wasserverbraucher und einen Beschatter.
Das Entfernen der Fichten reduziert natürlich auch die Verjüngung der Fichten, die die Beschattung und Wasserverbrauch quasi selbstverstärkend fördert.
Zur Renaturierung reicht das aber nicht allein. In der Regel geht es eben auch um weitere Entwässerungsmaßnahmen, die außerdem rückgängig gemacht werden (oder werden sollten). Es geht bei Moor-Renaturierung oft vor allem auch um den Lebensraum für "passende" Tiere und Pflanzen, und außer im Gebirge sind die Fichten standortfremd und werden allein schon aus diesem Grund entfernt.

Gruß
Stefan
Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten
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https://baum-des-tages.blogspot.de/

Spinnich
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Re: Störeinfluss von Fichten auf Moore

Beitrag von Spinnich »

stefan hat geschrieben:
16 Jan 2020, 23:06
Fichten, die im Moor wachsen, sind m.E. vor allem auch ein Zeichen für den bereits gestörten Wasserhaushalt.
Das Entfernen der Fichten entfernt also einen Wasserverbraucher und einen Beschatter.
Das Entfernen der Fichten reduziert natürlich auch die Verjüngung der Fichten, die die Beschattung und Wasserverbrauch quasi selbstverstärkend fördert.
Zur Renaturierung reicht das aber nicht allein. In der Regel geht es eben auch um weitere Entwässerungsmaßnahmen, die außerdem rückgängig gemacht werden (oder werden sollten). Es geht bei Moor-Renaturierung oft vor allem auch um den Lebensraum für "passende" Tiere und Pflanzen, und außer im Gebirge sind die Fichten standortfremd und werden allein schon aus diesem Grund entfernt.

Gruß
Stefan
Die Ursprünglichen Anstrengungen zur Renaturierung von Mooren hatten in erster Linie den Artenschutz zum Ziel. Noch bedeutender sind Moore aber hinsichtlich der Relevanz für den Klimaschutz: "Weltweit binden Moore auf nur drei Prozent der Landfläche doppelt so viel Kohlenstoff in der organischen Substanz wie die gesamte globale Waldfläche"

Nicht nur die Vernichtung von Regenwald ist ein Klimaverbrechen, wenn man bedenkt, welche Auswirkung die intensive Nutzung der Moore und das absenken des Grundwassers mit sich bringen.

Durch Kultivierung und intensive Nutzung werden (in Abhängigkeit vom Ausmaß der Entwässerung, der Düngung und dem C-Export der Nutzpflanzen) Torflager zersetzt und klimarelevante Gase ausgestoßen:
"Das größte zusammenhängende Niedermoor (Donaumoos) Süddeutschlands wurde erst ab 1790 mühsam kultiviert und besiedelt. Heute leben 12.000 Menschen in diesem Niedermoorgebiet südwestlich von Ingolstadt, das von 473 km Gräben durchzogen wird. Die Fläche der Moorböden ist durch die Entwässerung mittlerweile von knapp 20.000 ha auf 14.000 ha geschrumpft. Die Mineralisationsrate führt zu einer Moorsackung von jährlich ein bis drei cm, erschwert zunehmend die Bewirtschaftung und führt nach Berechnungen der HSWT zu klimarelevanten Emissionen von unfassbaren 400.000 t CO2-Äquivalenten pro Jahr."

Quelle: ANL(Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege) - Einzelmeldung des Blogs Naturschutz Bayern
Artikel: Moorrenaturierungen – vom Klimaschutzprogramm Bayern (KLIP) zum Fachplan Moore (von Michael Winterholler, verantwortlich für die fachliche Koordination der Moorrenaturierung in Bayern, Landesamt für Umwelt in Augsburg).

Der Artikel (Summery) kann hier eingesehen werden und steht dort auch als pdf in vollem Umfang zum Download bereit.

Die Thematik dürfte in anderen Bundesländern bzw. anderen EU-Staaten ähnlich sein.

Zur Thematik von Holzeinschlag bei Moor-Renaturierung:
...Für dennoch festgestellte „Moorwälder 91D0“ hat die EU-Kommission (2013) die Frage der Priorisierung unmissverständlich zu Gunsten des Offenlandes beantwortet, indem sie feststellt:
„Where bog woodland has colonized former non-woodland because of human impacts …,the bog woodland may be removed in order to restore favourable conservation status of former bog (types 7110, … 7140) …“.
Also auch die Kommission räumt die Entfernung von Gehölzen ein, wo die Zielsetzung lebendes Hochbeziehungsweise Übergangsmoor besteht.
(...sei darauf hingewiesen, dass der Einschlag von Moorwäldern in Projektgebieten in aller Regel keine Rodung, sondern eine Räumung darstellt, da anschließend – wenn auch in lückigem und schwachwüchsigem Umfang – Waldvegetation wieder aufwachsen kann.)

Leider wird durch die verfehlte EU-Agrar-Politik immer noch Geld für falsche Ziele vergeudet:

Über Direktzahlungen der Europäischen Union wird die Bewirtschaftung von Moorböden in Deutschland mit mehr als 300 Millionen Euro im Jahr gefördert (Wichtmann et al. 2018). Um die agrarpolitischen Fördermittel für den Moorschutz zu optimieren, hat eine Arbeitsgruppe verschiedener Fachbehörden und Experten des Länder-Arbeitskreises Moorschutz die gute fachliche Praxis der Bewirtschaftung von Moorböden neu und zeitgemäß definiert (Wichtmann et al. 2018). Darin wird – zunächst rechtlich und fördertechnisch nicht bindend – unter anderem gefordert, für landwirtschaftliche Nutzflächen in Moorgebieten durch Staumanagement zumindest im Winter einen Wasserstand nicht tiefer als 15 cm
unter Flur zu gewährleisten.

Moornutzung/Landwirtschaft:
Wenn Moorböden entwässert und intensiv landwirtschaftlich genutzt werden, beschleunigt dies die natürlichen Abbau- und Mineralisations-prozesse.
Dabei werden erhebliche Mengen an Treibhausgasen freigesetzt (vergleiche Kapitel 1). Die damit verbundene Sackung kann langfristig die Produktion beeinträchtigen, da irgendwann ein Abfluss über die Vorflut ohne Pumpwerke unmöglich wird und nicht alle Bodentypen eine entsprechende Fruchtbarkeit in der verbleibenden mineralischen Unterlage aufweisen.
Sehr zu begrüßen ist daher das „Versöhnungsgesetz“, das in Art. 3 Abs. 4 Nr. 2 verbietet, den „Grundwasserstand … auf Moor- und Anmoorstandorten abzusenken“ (BayGV Bl 2019).

Ähnliches Thema:
Ulrich M. Sorg, Im Moor zählt jeder Tropfen Wasser – Ein Tagungsrückblick

und:
Stefan Müller-Kroehling, In Dubio pro Betula – Plädoyer für mehr Toleranz gegenüber der Moorbirke in Mooren

LG Spinnich :mrgreen:
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- Georg Christoph Lichtenberg -

Spinnich
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Re: Störeinfluss von Fichten auf Moore

Beitrag von Spinnich »

Im Rahmen des KLIP 2020 und dem in 2015 überarbeiteten KLIP 2050 werden seit 2008 Moorrenaturierungen in Bayern zum Klimaschutz durchgeführt. Mittlerweile sind dadurch über 115.000 t CO2-Äquivalente eingespart worden.
Auf einen üblichen Wirkzeitraum von 50 Jahren berechnet, ist die Moorrenaturierung eine sehr günstige Klimaschutzmaßnahme mit CO2-Vermeidungkosten von deutlich unter 50 Euro pro t CO2.
Auch wegen den Synergien mit den anderen Schutzgütern sind die Maßnahmen ein Erfolg. Bayern hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden. Die Moore können hierzu als biologische Senken beitragen.

LG Spinnich :)
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