Abies alba

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LCV
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Abies alba

Beitrag von LCV »

Hallo Freunde,

lese gerade in der Sonntagsausgabe den Leitartikel:

Renaissance des Ur-Baumes

Es wird berichtet, dass die Forstwirtschaft im Schwarzwald zu der Erkenntnis gelangt ist, wieder die hier ursprünglich beheimatete Weißtanne zu pflanzen. In den letzten 30 Jahren hatte man immer mehr auf andere Bäume, vor allem Fichten, gesetzt. Durch Stürme wie Lothar wurde dann allerdings offenbar, dass die Fichte hier kaum etwas entgegenzusetzen hatte und riesige Flächen "umgenietet" wurden. Die Weißtanne sei der hier eigentlich heimische Baum und zudem wirtschaftlich interessant. Es musste nur etwas Überzeugungsarbeit geleistet werden. Für den Dachstuhl der Frauenkirche in Dresden entschied man sich für Weißtanne, musste die aber im Schwarzwald kaufen, weil die Bestände in Thüringen den manchmal etwas merkwürdigen Gepflogenheiten der Machthaber zum Opfer gefallen waren.

Nun will man auch herausgefunden haben, dass die Weißtanne sehr klimaresistent sei. Inzwischen sind bereits wieder 20% des Schwarzwald-Baumbestandes Weißtannen.

An dieser Geschichte sieht man, dass der Mensch viel zu oft Fehlentscheidungen trifft. Weil Zimmerleute lieber Fichte verarbeiten wollten (kürzere Lagerzeit bis zur Verarbeitung), zahlten sie für Weißtanne weniger. Also richtete sich die Holzwirtschaft danach und pflanzte Fichte auf Teufel komm raus. Spätestens nach Lothar war der wirtschaftliche Vorteil im wahrsten Sinne des Wortes geknickt.

Gruß Frank

Cryptomeria
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Beitrag von Cryptomeria »

Hallo Frank,

seit Kyrill sieht man hier auch keine kleinen Fichten mehr. Wenn Nadel nachgepflanzt wird, dann Douglasie.

Viele Grüße

Wolfgang
Wer Bäume pflanzt und weiß,dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird hat angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen.

campoverde
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Beitrag von campoverde »

Hallo,

ein Link dazu, daß Thema "Verfichtung" sehr oft etwas vereinfacht oder sogar falsch dargestellt wird:
http://www.fva-bw.de/indexjs.html?http: ... i/bwi.html

Direkter Link klappt aus irgendeinem Grund nicht, daher weiterklicken über Ergebnisse/Kommentierte ERgebnisse/Waldflächen und Baumartenzusammensetzung.

Oder noch besser: für alle Altbundesländer Flächenveränderung in ha je Baumartengruppe:
http://www.bundeswaldinventur.de/enid/6 ... g=&theme=0

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stefan
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Beitrag von stefan »

Hallo Baumfreunde,
im 19. Jahrhundert hat man in Deutschland nach jahrhundertelangem Raubbau an den Wäldern erste Schritte einer geordneten Forstwirtschaft begonnen. In Preußen (das reichte bis ins Rheinland und betraf z.B. die Eifel) hat man große verheidete Bereiche mit Fichte aufgeforstet, um mit relativ schnell wachsenden Bäumen eine erste Generation Wald zu begründen. So war das sicherlich in vielen anderen Teilen Deutschlands auch. Die Preußen hatten wohl durchaus die Idee in der Folge heimischere Arten anzupflanzen. Daran hat man sich in den folgenden Jahrzehnten nicht gehalten, da die Fichte so schön schnell Holz für die industrielle Verarbeitung liefert.
Ein großes Problem der Fichte ist, daß sie auf nassen - vor allem staunassen - Böden sehr flach wurzelt und deshalb sehr windwurfgefährdet ist.
Ein anderes Problem wird jetzt relevant: das natürliche Verbreitungsgebiet der Fichte ist in Deutschland wohl ausschließlich in den Alpen und im Bayrischen Wald. In allen anderen Regionen wächst sie heute zwar auch nicht schlecht - aber die Überlegungen zu den Konsequenzen einer Klimaerwärmung führen dazu, daß man fürchtet, die Fichte werde im Laufe dieses Jahrhunderts in vielen Bereichen Deutschlands nicht mehr wachsen können.
Allein deshalb wird heute bei Aufforstungen die Fichte oft durch andere Arten - insbesondere auch die Douglasie - ersetzt!
Gruß, Stefan
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campoverde
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Beitrag von campoverde »

stefan hat geschrieben: Ein anderes Problem wird jetzt relevant: das natürliche Verbreitungsgebiet der Fichte ist in Deutschland wohl ausschließlich in den Alpen und im Bayrischen Wald. ..
Hallo,
das stimmt so nicht ganz, die Fichte kommt natürlicherweise auch sonst verbreitet vor, zB Schwarzwald, Thüringer Wald, Harz.., besonders in Hochlagen, aber auch Sonderstandorte wie Blockhalden oder Moorränder.
stefan hat geschrieben: Allein deshalb wird heute bei Aufforstungen die Fichte oft durch andere Arten - insbesondere auch die Douglasie - ersetzt!
Wie meinst Du das? "Allein deshalb"=Nur deshalb? Dann wäre das m.E. nicht richtig, da die Forstverwaltungen schon viel früher umgesteuert haben, das sieht man ja auch gut an dem zweiten Link in meinem Beitrag oben, und zwar aus aus verschiedenen Gründen. Ein Beispiel für ein Programm einer Landesforstverwaltung aus dem Jahr 1991 in folgendem Link:
http://www.landesforsten.de/Schuetzen-G ... n.5.0.html
(Vielleicht meintest Du ja aber auch: schon allein deshalb, aber auch aus anderen Gründen...)

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baumlaeufer
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Beitrag von baumlaeufer »

Ich habe schon ein paar wöchentliche Arbeitseinsätze des Bergwaldprojektes im Schwarzwald als freiwilliger Helfer absolviert.
Auf Sturmschadensflächen oder Förderungsflächen bekam/genoß immer wieder die ursprüngliche Weißtanne besonderen Schutz oder Berücksichtigung.
Dabei wurde auch die besonderen Anforderungen an den Lebensraum der Weißtanne berücksichtigt.
Baumlaeufer-Wolfgang
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Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi »

Wieder mal ein Beispiel, dass es - wenn auch in kleinen Schritten - in die richtige Richtung geht. :P

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stefan
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Beitrag von stefan »

Hallo campoverde,
campoverde hat geschrieben:... die Fichte kommt natürlicherweise auch sonst verbreitet vor, zB Schwarzwald, Thüringer Wald, Harz.., besonders in Hochlagen, aber auch Sonderstandorte wie Blockhalden oder Moorränder.
... Du ja aber auch: schon allein deshalb, aber auch aus anderen Gründen...)
zum zweiten: ja ich meinte schon allein deshalb - aber es wird aus wirtschaftlichen Gründen nicht völlig auf die Fichte verzichet, auch wenn man verstärkt auf naturnähere und stabilere Mischwälder setzt. Das ist u.a. eine Frage des Eigentümers, der über die Aufforstung entscheidet.
Zum ersten Punkt: die Fichte kommt im Schwarzwald natürlicherweise nur untergeordnet vor. Großenteils sollten hier - wie aber auch im Erzgebrige, Thüringer Wald, etc. wohl eher Buchen-Wälder und in höheren Lagen Tannenwälder wachsen, in denen Fichter untergeordnet auch vorkommen.
In den höheren Lagen und vor allem in kontinenaleren Lagen kommt sie dann mit zusammenhängenden Verbreitungsgebieten vor.
(Ich hatte es mir etwas zu einfach gemacht :( )
In dem Kartenausschnitt sind die Gebiete farbig angelegt mit Vegetationseinheiten unterschiedlicher natürlicher Vegetation, in denen Fichte (teils auch nur sehr untergeordnet !) vorkommt.
Dateianhänge
Ausschnitt aus der Karte der natürlichen Vegetation Europas (1:2,5 Mio) des Bundesamtes für Naturschutz (EuroVegMap)
Ausschnitt aus der Karte der natürlichen Vegetation Europas (1:2,5 Mio) des Bundesamtes für Naturschutz (EuroVegMap)
hc_046_640.jpg (367.35 KiB) 7800 mal betrachtet
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LCV
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Beitrag von LCV »

> das stimmt so nicht ganz, die Fichte kommt natürlicherweise auch sonst verbreitet vor, zB Schwarzwald, Thüringer Wald, Harz.., besonders in Hochlagen, aber auch Sonderstandorte wie Blockhalden oder Moorränder.

@ campoverde: Es ging hier darum, dass die Weißtanne ursprünglich den Schwarzwald dominiert hat, lange bevor es so etwas wie kommerzielle Forstwirtschaft gab. Die Fichte ist in diesem Gebiet nicht wirklich heimisch, sondern wurde "angebaut". Dass heute noch viele Fichten im Schwarzwald zu finden sind, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Fehleinschätzung. Aber eigentlich haben Fichten hier nichts zu suchen. Die verheerenden Stürme der letzten 15 Jahre haben zu der Erkenntnis geführt, dass die Fichte sehr stark gefährdet und damit auch das Risiko für die Holzwirtschaft sehr hoch ist. Den kleinen Preisvorteil können Stürme wie Kyrill und Lothar schnell zunichte machen. Es gibt sicher Gegenden mit anderer Topografie und Bodenbeschaffenheiten, wo sich derartige Orkane weniger vernichtend auf einen Fichtenwald auswirken würden. Eine Tanne verankert sich auf dem Grund (im Schwarzwald zum größten Teil Buntsandstein), die Wurzeln der Fichte liegen eher tellerförmig oben drauf.

Zumindest in Deutschland gibt es bis auf ein paar ausgewiesene und geschützte Flächen kaum noch Urwald im eigentlichen Sinn. Die heutigen Baumbestände in unseren Wäldern sind willkürlich angepflanzt, wie Mais, Weizen oder Kartoffeln auf dem Feld. Die ursprünglichen Wälder wurden rücksichtslos abgeholzt und unsere Vorfahren haben es um keinen Deut besser gemacht als die Menschen in den Regenwäldern. Wir verdanken es unserem gemäßigten Klima und der Tatsache, dass Holz zum Wirtschaftsgut geworden ist, dass hier keine Wüsten entstanden sind. Aber wo Menschen eingreifen, werden bewusst oder unbewusst Fehler gemacht. So hat es doch sehr lange gedauert, bis man verstanden hat, dass bei aller Wirtschaftlichkeit Bäume an ihre natürlichen Standorte gehören. Die Natur sorgt von allein dafür, dass sich die "richtigen" Bäume am jeweiligen Standort durchsetzen. Wenn der Mensch durch Beobachtung der Natur zu den richtigen Erkenntnissen gelangt, kann er helfend eingreifen, um die selbstverschuldeten Schäden zu reparieren.

Also: Fichte gibt es heutzutage überall, aber die wurde im Schwarzwald "eingeschleppt" oder gezielt angebaut. Die Weißtanne war der Baum des Schwarzwaldes schon lange bevor Holzplantagen errichtet wurden.

Gruß Frank

campoverde
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Beitrag von campoverde »

Hallo Frank,
klar wurde der Tannenanteil im Schwarzwald auf Kosten der Fichte stark gesenkt, aber:
LCV hat geschrieben: Schwarzwald.... Die Fichte ist in diesem Gebiet nicht wirklich heimisch, sondern wurde "angebaut". ... Aber eigentlich haben Fichten hier nichts zu suchen...
Das stimmt so nicht, die Fichte kommt natürlich im Schwarzwald vor (das sieht man ja auch in der von Stefan eingestellten Karte), wohl dort in Mischbeständen mit Tanne oder auch Tanne und Buche usw...
LCV hat geschrieben: Die heutigen Baumbestände in unseren Wäldern sind willkürlich angepflanzt, wie Mais, Weizen oder Kartoffeln auf dem Feld.
.
Dies ist m.E. übertrieben, es gibt ja auch Zwischenstufen zwischen Acker und Urwald. Nur ein Beispiel: Viele Bestände, besonders der Buche, sind nicht gepflanzt, sondern stammen aus Naturverjüngng.

Ich melde mich bei Gelegenheit hierzu noch einmal.
Großes offenes Thema ist, wie denn die Forstwirtschaft in Zukunft aussehen soll, hier gibt es natürlich sehr viele verschiedene Auffassungen.

Murgtalguide
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Beitrag von Murgtalguide »

Ein Umdenken bei Forsten hat es auch durch die zu erwartende Klimaveränderung gegeben. Bei Neupflanzungen denkt man in Einhundertjahresschritten.
Die Fichte wird der größte Verlierer der Klimaveränderung sein. Wie schon erwähnt wurde, ist sie im 19. Jhd. nach Einführung einer geordneten Forstwirtschaft Fllächenweise auch im Tiefland angebaut worden. Warum ist die Fichte ein Flachwurzler? Weil sie ursprünglich ein Baum des höheren Berglandes ist. Dort gibt es keine tiefen Böden. Gleich nach einer dünnen Humusschicht, kommt der Fels, also bei Nahrungssuche blieb nur der Weg an der Oberfläche. Im Bergland 1000NN erreicht sie auch nicht die Höhen, wie in der Ebene.
Sicherlich hat man begonnen die Tanne vermehrt zu pflanzen, aber nicht alles ist Weistanne. Die viel schnellwüchsigere und weniger Insektenanfällige amerikanische Küstentanne (Abies grandiosa) finde ich bei uns sehr häufig. Ich hatte schon vor 15 Jahren einen Holzeinschlag mittlerer Stärke (4/5 Klasse). Sie enthält wesentlich mehr ätherische Öle, was der Atmung hilft, aber das Holz ist minderwertiger für Möbelbau, als das unserer Weistanne. Die Nadeln sind länger und riechen nach Citrus, der Habitus ist kraftstrotzender und ihr Stamm ist wie bei jungen Douglasien mit Harzgallen besetzt.
Sie wird den neuen Klima gerechter werden. Auch wärme liebende Eichenarten werden die Zukunft mittel- und Nordeuropas mit bestimmen.
Fazit: Der Forstwirtschaftsplan ist schon darauf abgestimmt, auch wenn in manchen Gegenden der traditionelle Waldaufbau noch verbleibt. Manche brauchen für Veränderungen solange, bis sie dazu gezwungen werden.
Rainer Schulz, Forstwirt und Schwarzwald-Guide im Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord
www.Murgtalguide.de

Cryptomeria
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Beitrag von Cryptomeria »

Hallo Rainer,

danke für deinen Beitrag. Ich denke , du meinst Abies grandis, die Küstentanne.

Viele Grüße

Wolfgang
Wer Bäume pflanzt und weiß,dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird hat angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen.

Murgtalguide
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Beitrag von Murgtalguide »

richtig, der Forstmann sagt nur kurz Grandis dazu. Grüßle
Rainer Schulz, Forstwirt und Schwarzwald-Guide im Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord
www.Murgtalguide.de

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