Hanfpalmen, die zukünftige mitteleuropäische Schlusswaldart?

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Chelterrar
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Hanfpalmen, die zukünftige mitteleuropäische Schlusswaldart?

Beitrag von Chelterrar »

Moin alle Klimawandelverfolger,

Seit einiger Zeit geistern Meldungen durch die Medien, dass es ausgebrochene und teils bewusste Anpflanzungen der Hanfpalme geschafft haben, sich in Mitteleuropa fortzupflanzen und ins heimische Ökosystem vorzudringen. Laut Auskunft eines Försters in der Region (irgendwo in der Schweiz) soll eine 12-15m hohe immergrüne Palme der subtropisch feuchten Berge Zentral- und Ostchinas in den Wäldern seine Umgebung zukünftig alles verdrängen und diese dominieren. Ich bin sehr skeptisch, denn wie soll das gehen? Wie kann eine Palme, die nicht einmal die Hälfte der Wuchshöhe einer Rotbuche erlangt, diese verdrängen?

Wie soll eine solche Jungpflanze in einem schattigen Rotbuchenwald überhaupt 10cm hoch werden? Warum soll eine Palme, die immergrün ist und aus einem eher feuchten Klima kommt, trockenheitstoleranter sein, als eine Traubeneiche oder Kiefer, die selbst in Brandenburg überleben können?

Ich glaube viel mehr, dass in den sowieso schon geschwächten und gestörten Wäldern dort Vorort die Palme eingedrungen ist und ein wenig höher geworden ist und weil es eine Palme ist, da jetzt ein großer Wirbel darum gemacht wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Hanfpalme mit ihrer schmächtigen Krone eine Buche am Aufwachsen hindern kann und durch diese nicht nach ein paar Jahren auch überwachsen wird.

Aber wie seht ihr das? Ist die Hanfpalme dort lediglich eine nette Beimischung eines gestörten Standortes, die maximal Unterholz zu bilden vermag oder die ökologische Gefahr, die 30m Buchen und Eichen verdrängt und durch Schattenwurf jeglichen Aufwuchs verhindert und in Zukunft alleinig die Berge dort besiedeln wird?

Quelle https://www.wissenschaft.de/umwelt-natu ... teleuropa/

LG Chelterrar

Baobab
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Re: Hanfpalmen, die zukünftige mitteleuropäische Schlusswaldart?

Beitrag von Baobab »

Das ist leider tatsächlich so. Im Tessin (Südschweiz) hat sich die Chinesische Hanfpalme bereits häuslich niedergelassen:

https://www.infoflora.ch/de/assets/cont ... _for_d.pdf

Spinnich
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Re: Hanfpalmen, die zukünftige mitteleuropäische Schlusswaldart?

Beitrag von Spinnich »

Trachycarpus fortunei kann bisher (dauerhaft) nur in den mildesten Gebieten Deutschlands, und/oder Skandinaviens dauerhaft überleben, eher in milden Küstengebieten, benötigt aber auch bei kaltem Stand eine gute Drainage.
In Tessin und im Gebiet der großen Seen ist sie jedoch etabliert = "Tessinerpalme", verwildert dort und könnte sich invasiv ausbreiten (kann aber leicht zurückgedrängt werden):

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https://www.infoflora.ch/de/assets/content/documents/neophyten/inva_trac_for_d.pdf
Neuerdings scheint sie sich aber auch in Österreich in milden Regionen an der Donau und besonders um Wien von selbst Populationen zu begründen.
Da die Pflanze nur einen Vegetationskeim besitzt, ist sie duch Abholzen aber recht leicht zu beseitigen, sie kann nicht aus dem Strunk oder der Wurzel wieder austreiben.

LG Spinnich :)
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LCV
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Re: Hanfpalmen, die zukünftige mitteleuropäische Schlusswaldart?

Beitrag von LCV »

Zwischen Deutschland und dem Tessin gibt es aber große Unterschiede.
Schließlich liegt Deutschland nördlich der Alpen und bis an ein paar
wenigen Orten könnten Palmen den Winter nicht überleben. Zufällig
wohne ich an einem solchen Ort in Südbaden, wo es kaum noch richtige
Winter gibt, der aber durch die Position der Weinberge noch zusätzlich
geschützt ist. Man kann hier Palmen und andere Exoten im Garten
überwintern, was aber nur wenige km weiter weg nicht ginge.

In der Südpfalz und am Kaiserstuhl gibt es auch einige solche Orte.

Außerdem entsteht in Großstädten ein besonderes Klima, das auch
für Exoten günstig ist. Hier schützen die Gebäude und die Abwärme
lässt die Temperaturen steigen.

Ich glaube kaum, dass Palmen z.Zt. in Deutschland in der Lage wären,
Buchenwälder zu verdrängen. Aber es ist denkbar, dass sich durch den
Klimawandel die Bedingungen für Buchen so verschlechtern, dass sie
weichen. Dabei geht es aber doch vor allem um Wirtschaftswälder,
wo die Forstwirtschaft bestimmt, was angepflanzt wird.

Robinien sind da viel invasiver, da sie auch tiefe Temperaturen
vertragen und sich über Wurzelausleger zusätzlich verbreiten.
Außerdem wird das Holz geschätzt, also lohnt sich auch der Anbau.

Chelterrar
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Re: Hanfpalmen, die zukünftige mitteleuropäische Schlusswaldart?

Beitrag von Chelterrar »

Ja, die Hanfpalme ist nicht vollständig winterhart,wobei hier an der Nordseeküste meine die letzten 4 Winter überlebt hat ohne Schäden, aber das Wachstum liegt vielleicht bei 10-15cm im Jahr und im Tessin sollen das 1m sein :shock: .

Eigentlich ist meine Frage schon fast beantwortet, denn so wie das in den Meldungen zu lesen war, wäre davon auszugehen, dass demnächst in den Nationalparks und der nicht wirtschaftlich gestörten Natur die Hanfpalme demnächst alles verdrängt. Aber wenn es doch sowieso nur gestörte Monokulturen oder wenig artenreiche Wirtschaftsforste betrifft, warum ist das dann eine Meldung wert?
Bei mir wachsen an einigen "wilden" Grabenbereichen oder Hügeln im Verkehr auch wilder Kirschlorbeer und auf manchen Wiesen Borretsch, aber in den Nachrichten hör ich dazu wenig. Also doch nur, weil es eine "Palme" ist.

LG Chelterrar

biloba
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Re: Hanfpalmen, die zukünftige mitteleuropäische Schlusswaldart?

Beitrag von biloba »

Für Neophyten gibt es gewiss verschiedene Stufen, die erreicht werden können.

1) Es gibt hier einige Vorkommen
2) Die Art ist in der Lage, hier zu überleben
3) Die Art ist in der Lage, sich hier zu vermehren
4) Die Art ist in der Lage, sich geografisch auszubreiten
5) Die Art verdrängt andere, bisher hier heimische Arten

Mir scheint, dass diese Palme allerhöchstens bis zur Stufe 3 gekommen ist.


In einigen Kühlwasserausläufen von Kraftwerken gib es vereinzelte Vorkommen von Guppys. Praktisch stellen die keinerlei Gefahr für die heimischen Fische dar. Allenfalls ist das zusätzliches Futter für Eisvögel. Bei der Hanfpalme ist es wahrscheinlich ähnlich, nur fällt mir gerade nicht ein, wer die frisst.


Beruhigte Grüße!

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LCV
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Re: Hanfpalmen, die zukünftige mitteleuropäische Schlusswaldart?

Beitrag von LCV »

In irgendeinem Horrorfilm, wo es um eine Ratteninvasion ging,
kam mal ein passender Spruch. Einer der Protagonisten sagte:
Stell Dir vor, diese Ratten hätten die Größe von Wildschweinen!
Der andere: Das wäre kein Problem, aber je kleiner und damit
auch zahlreicher, desto gefährlicher!

Geht es erst mal in den mikroskopischen Bereich, siehe z.Zt.
die Corona-Pandemie, wird es sehr bedrohlich. Viren, Bakterien
und Pilze können ganze Arten ausrotten.

Im Bereich Pflanzen sehe ich Springkräuter, indische Scheinerdbeeren
und andere sehr kleine Pflanzen als gefährlicher an als Bäume.
Diese Kräuter verbreiten sich oft unerkannt und sind schwer zu
bekämpfen. Man kann sie nicht ausrotten, ohne jede Menge anderer
Pflanzen auch zu vernichten. Bäume kann man fällen. Zwar gibt
es auch welche, die dann erst mal durch Wurzelausleger sehr
aggressiv reagieren (Rhus typhina oder Aralia elata), aber man
kann sie trotzdem bekämpfen, ohne eine Wüste zu hinterlassen.
Verglichen mit dem Essigbaum ist aber diese Palme eher harmlos.
Fällen und fertig!

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LCV
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Re: Hanfpalmen, die zukünftige mitteleuropäische Schlusswaldart?

Beitrag von LCV »

biloba hat geschrieben:
10 Mai 2020, 12:46
Bei der Hanfpalme ist es wahrscheinlich ähnlich, nur fällt mir gerade nicht ein, wer die frisst.
Vielleicht kann man sie rauchen? :mrgreen:

Spinnich
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Re: Hanfpalmen, die zukünftige mitteleuropäische Schlusswaldart?

Beitrag von Spinnich »

Hallo Frank,
das mit dem Rauchen wird vermutlich kein Genuss.
Hanf (Canabis) kann man rauchen oder sich einen Strick draus drehen, die Analogie der 'Hanf'-Palme bezieht sich wohl auf Lezteres, also die Gewinnung von Fasern für Stricke u. Ähnliches.

Aber ich bin ja aufgeschlossen, sollte jemand neue Erkenntnisse liefern.

Gruß Dieter/Spinnich :lol:
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