Küstentanne bei Preußisch Oldendorf, Register-Nr.: 4558

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Rainer Lippert
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Küstentanne bei Preußisch Oldendorf, Register-Nr.: 4558

Beitrag von Rainer Lippert » 03 Apr 2016, 09:07

Hallo,

ich möchte jetzt mal eine kleine Geschichte erzählen. Karlheinz und ich sind seit Jahren bemüht, von den höchsten Baumarten, den jeweils höchsten Vertreter ausfindig zu machen und so genau wie möglich zu messen. Die Rangliste der höchsten Baumarten in Deutschland hat bisher so ausgesehen:

1: 65,8 m; Douglasie
2: 59,7 m; Gemeine Fichte
3: 57,1 m; Riesenmammutbaum
4: 53,8 m; Europäische Lärche
4: 53,8 m; Weißtanne

Im Herbst letzten Jahres bin ich dann bei Recherchen im Internet zufällig auf die Küstentanne gestoßen. Eine Baumart, die wir bisher nicht auf dem Radar hatten. Bei Preußisch Oldendorf, im Naturschutzgebiet Limberg, sollen Küstentannen mit über 50 m Höhe stehen. Küstentannen können am Naturstandort, Pazifikküste der Vereinigten Staaten, bis 85 m hoch werden. In Deutschland wurde die Baumart jedoch nur selten angepflanzt. Da es von mir aus zu weit für einen Tagesausflug zum Limberg ist, habe ich Karlheinz damit beauftragt :wink: Karlheinz hat nicht lange gezögert und die rund 200 km Wegstrecke auf sich genommen. Dort hat er dann im November letzten Jahres eine Tanne mit 57,0 m Höhe gefunden. Karlheinz hat dann später mit dem Förster Kontakt aufgenommen. Von diesem hat er erfahren, dass an anderer Stelle am Limberg vermutlich noch höhere Küstentannen stehen. Karlheinz ist also noch einmal hingefahren und hat dann tatsächlich eine Küstentanne mit 60,0 m Höhe gefunden. Platz 2 in der Deutschlandrangliste. Das bedeutete für uns eine kleine Sensation. Bei meinen Recherchen im Herbst hatte ich noch einen weiteren Standort mit hohen Küstentannen ausfindig gemacht. Und zwar im Exotenwald bei Augsburg. Da das von mir aus auch wieder zu weit war, habe ich da Tom E darum gebeten. Tom E hat dann dort die höchste Küstentanne mit lediglich 52 m Höhe gemessen. Der Exotenwald war also aus dem Rennen. Von da ab haben Karlheinz und ich geplant, gemeinsam zum Limberg zu gehen, um eventuell noch eine höhere Küstentanne zu finden. Ein Treffen macht nur in der Laublosen Zeit Sinn, ansonsten ist ein Messen im Bestand sehr schwierig. Letzte Woche war nun das Treffen. Da die Küstentannen am Limberg im Privatbesitz sind und der Bereich um die höchste Küstentanne zudem noch eingezäunt ist, zwar von außen einsehbar, aber dennoch eingezäunt, haben wir Kontakt mit der Besitzerin aufgenommen. Vor Ort haben wir uns dann mit der Besitzerin, einer sehr netten Person, und ihrem Sohn getroffen. Zwei ihrer Waldarbeiter gesellten sich noch dazu. Der Förster, der auch kommen wollte, musste jedoch kurzfristig absagen. Karlheinz und ich haben dann nach dem üblichen Schema die höchste Küstentanne gemessen, unter Aufsicht der Anwesenden. Die Höhe haben wir mit 60,2 m gemessen. Eine noch höhere Küstentanne konnten wir allerdings im Verlauf des Tages nicht finden. Wir konnten weitere Tannen mit um 57 bis knapp 59 m Höhe finden, aber keine höhere. Die Deutschlandrangliste schaut jetzt so aus:

1: 65,8 m; Douglasie
2: 60,2 m; Küstentanne
3: 59,7 m; Gemeine Fichte
4: 57,1 m; Riesenmammutbaum
5: 53,8 m; Europäische Lärche
5: 53,8 m; Weißtanne

Die Küstentannen im Bereich der höchsten sind 124 Jahre alt. Mit wie vielen Jahren sie dann konkret ausgepflanzt worden sind, ist nicht bekannt. Die Küstentannen am Limberg sind nicht nur die höchsten in Deutschland, sondern auch die höchsten von ganz Mitteleuropa. Nur in Großbritannien sind mit 63,5 m Höhe höhere Küstentannen bekannt.

Viele Grüße,

Rainer
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Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi » 03 Apr 2016, 11:29

Hallo, ja, Karlheinz hatte mir davon berichtet. Die Besitzerin kann richtig stolz auf Ihre Bäume sein, die ein straffes Wachstum hingelegt haben. Mal sehen, ob die sogar noch den Douglasien näher auf die Pelle rücken.
Vor allem freut mich, dass es doch offensichtlich noch viele weiße Baumflecken auf der Landkarte gibt und Überraschungen nach wie vor möglich sind.
Herzlichen Glückwunsch zu diesem prächtigen Fund, der von mir aus zumindest erreichbarer ist als die baden-württembergischen Douglasien.

Viele Grüße

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baumlaeufer
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Beitrag von baumlaeufer » 03 Apr 2016, 23:07

da habe ich dann ja was verpasst, Rainer. Aber ich stecke in dem Wohnwechsel drin, das ging vor !
Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt (Khalil Gibran)
www.na-tour-denkmal.de

Karlheinz
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Beitrag von Karlheinz » 04 Apr 2016, 03:22

Interessant ist vielleicht noch, dass dies ein Mischwald-Bestand auch mit Douglasien ist, vermutlich sind die vom selben Pflanzjahr, sie erreichen aber nicht ganz die Höhe und den Stammumfang der Küstentannen.

Der Bestand gehört zum Naturschutzgebiet Limberg und Offelter Berg. Für die Naturschützer sind Küstentannen und Douglasien Fremdlinge, die hier nicht hingehören, obwohl diese Baumarten vor der letzten Eiszeit auch in unseren Breiten heimisch waren. Die Altbäume dürfen bleiben, neue Bäume dieser Arten sollen aber nicht nachwachsen dürfen. In meinen Augen ist das reichlich arrogant: Die Naturschützer wollen bestimmen, welche Arten hier ein Lebensrecht haben und welche nicht. Dass Naturverjüngung möglich ist, sieht man, wo Schutzzäune das Schalenwild fernhalten.

Interessante Infos:
http://www.minden-luebbecke.de/media/cu ... 1306926006
http://www.waldbauernverband.de/2010/cm ... 140605.pdf


Viele Grüße
Karlheinz

Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi » 04 Apr 2016, 09:15

Hallo Karlheinz, herzlichen Glückwunsch zu diesem Großartigen Fund.
Was der Vergleich von Douglasien und Küstentannen betrifft: es kommen da ganz viele Faktoren zusammen, die einen Vergleich erschweren. Wenn man sich das große Verbreitungsgebiet von Douglasien anschaut, dann stellt man fest, dass die meisten Altbäume keine 60 m schaffen. Es liegt also sehr am Standort, aber vermutlich auch an der Samenherkunft, wie Leistungsstark der Wuchs ist.
Vermutlich kommt bei den Küstentannen noch hinzu, dass sie sich an diesem Standort sau wohl fühlen. Mit dieser Wuchsleistung und Höhe wären das selbst in den USA bemerkenswerte Bäume.
Wer weiß, es gibt einige Baumarten, die außerhalb ihres natürlichen Standortes noch größer wurden. Dies traf bislang nicht auf ganz großen Bäume zu. Aber das ist auch eine Frage der Zeit.
Was die Naturschützer betrifft, so ist es immerhin gut, dass sie die Altbäume stehen lassen. Und für ein Naturschutzgebiet ist es absolut legitim, denn da geht es um die Erhaltung einer ursprünglichen Waldgesellschaft. Was darunter zu verstehen ist, kann man freilich diskutieren. Allerdings lassen die vorliegenden Ergebnisse den Gedanken zu, die ohnehin nicht natürlichen Fichtenbestände mit der Küstentanne zu ersetzen. Und um die hohen Wuchsleistungen zu garantieren, bietet es sich an, Samen von genau diesem Standort zu verwenden.
Karlheinz, da hast Du einen tollen Fund gemacht. Glückwunsch!

Viele Grüße

TomE
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Beitrag von TomE » 04 Apr 2016, 10:47

Hallo,
um die nicht ganz zu hohen Augsburger Küstentannen noch zu erwähnen, sie sind immerhin recht stark. Vielleicht die stärksten Exemplare in Deutschland, wobei leider nicht besonders viele gemeldet sind. Die stärkste Küstentanne wird die nächsten Jahre wohl die 5m BHU überschreiten und ist auch an der Spitze noch sehr wüchsig und absolut vital.
Durch ein kürzliches Sommergewitter steht sie inzwischen ziemlich frei und lässt sich gut fotografieren. Während andere Exemplare durch den Hagel einiges an Nadelmasse einbüßen mussten, sieht man ihr wenig an.

Hier kann man sie sich ansehen, ggf. könnte man sie auch hier registrieren, falls gewünscht.

Gruß
Tom

Karlheinz
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Beitrag von Karlheinz » 04 Apr 2016, 12:18

Zum Schutzstatus der Bäume im Naturschutzgebiet:

Viele Laien glauben, im Naturschutzgebiet seien große Bäume gut aufgehoben und geschützt. Das ist ein Irrtum. Das Naturschutzrecht erlaubt mit gewissen Einschränkungen die forstwirtschaftliche Nutzung. Einzelne Bäume dürfen entnommen werden. Wenn ich das richtig interpretiere, macht es dabei keinen Unterschied, ob es sich um europäische Rekordbäume, einheimische Arten oder "Fremdlinge" handelt.

Der Wald hier am Limberg gehört zum Gut Hudenbeck und ist seit vielen Generationen im Besitz der alteingesessenen Familie. Jetzige Waldbesitzerin ist Freifrau Henriette von Rundstedt. Sie und ihr Sohn sind stolz auf ihre experimentierfreudigen Vorfahren, die in den Jahren um 1891/92 auf ihren Amerikareisen die Samen der Küstentannen und Douglasien mitgebracht haben. Ihre Gebeine liegen auf dem Familienfriedhof begraben, der sich hier im Wald gleich oberhalb und in Sichtweite dieser Baumriesen befindet. Unter dem Schutz dieser Familie sind die Bäume gut aufgehoben, ich habe keine Sorge um ihren Fortbestand.

viele Grüße
Karlheinz

Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi » 04 Apr 2016, 15:55

Gott sei Dank. Ist es auszuschließen, dass noch weitere unbekannte Riesen in der weiteren Umgebung rumspielen?

Viele Grüße

Karlheinz
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Beitrag von Karlheinz » 04 Apr 2016, 16:14

Ist es auszuschließen, dass noch weitere unbekannte Riesen in der weiteren Umgebung rumspielen?
Nachdem ich jetzt drei mal da war, recherchiert und gemessen habe, habe ich diese Hoffnung aufgegeben.

Rainer Lippert
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Beitrag von Rainer Lippert » 04 Apr 2016, 16:55

Karlheinz, du wartest wohl wieder auf einen Auftrag von mir :roll:

ElLobo
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Beitrag von ElLobo » 04 Apr 2016, 18:52

imposante Bäume und eine sehr schön erzählte Geschichte rund um diese Baumart/Bäume.

vg Jörg

Karlheinz
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Beitrag von Karlheinz » 04 Apr 2016, 19:04

Ach Rainer, du hast ja nichts Vergleichbares mehr in petto :lol: , sonst wärst du doch vorige Woche, wo du hier in NRW warst, selber hingefahren :?:

Rainer Lippert
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Beitrag von Rainer Lippert » 04 Apr 2016, 19:08

Karlheinz, du weißt doch gar nicht, was ich alles noch im Köcher habe :roll: Letzte Woche stand bei mir, außer der tolle Tag mit dir bei den Tannen, ganz im Zeichen der Eiche :wink:

Viele Grüße,

Rainer

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Beitrag von Kiefernspezi » 04 Apr 2016, 21:38

Hallo, ich hätte da auch noch Pfeile im Köcher. Dummerweise sind die größten in Süddeutschland, und ich schiebe es seit zwei Jahren vor mir her, da mal hinzufahren... :cry:

Es ist natürlich schon so eine Sache, erst eine elend hohe Tanne zu vermessen und sich dann neben eine halb so hohe (und meistens das noch nicht mal) Eiche zu stellen und hurra zu heucheln. :twisted:

Aber Spaß beiseite. Es gibt bestimmt noch viele Dinge zu entdecken. Wenn ich so überlege, dass ich eigentlich gar nicht nach Championtrees suche, und trotzdem innerhalb des letzten viertel Jahres über 2 gestolpert sind, die noch komplett unregistriert sind, dann nehme ich doch an, dass einem fleißigen Kundschafter erst recht der eine oder andere tolle Fund gelingt.

Viele Grüße

campoverde
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Beitrag von campoverde » 08 Apr 2016, 22:54

Hallo,
Kompliment wieder einmal an die Freaks!
Als Ergänzung:
http://www.lwf.bayern.de/mam/cms04/serv ... ntanne.pdf

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