Hallo zusammen
Es wird im Zusammenhang mit dem Standort geredet von z.B. "liebt saure" oder "kalkhaltige Böden". Wie entsteht diese chem. Eigenschaft?
Ich stelle mir das so vor:
Regenwasser dringt in den Boden ein, sickert bis in tiefere Schichten, löst dort Mineralien an, wird dann sauer oder basisch und steigt bei Sonne oder generell bei Trockenheit durch die Kapillarwirkung nach oben und erreicht schliesslich die Saugwurzeln des Baumes und das Pilzmycel.
(Regenwasser hat hier pH 5,5, Leitungswasser pH 7,8 (ab Wasserhahn), demineralisiertes im Supermarkt gekauftes Wasser (Für das Bügeleisen) pH 5,5. Gemessen mit Lakmuspapier).
Wenn diese Theorie stimmen sollte, würde auf kalkhaltigem Grundgesstein das nach unten sickernde Regenwasser den Boden immer mehr versauern bis hin zum Grundwasser und bei Sonnensschein von unten her immer mehr in den basischen Bereich verschieben. Das bedeutet aber, dass die Baumwurzeln immer wieder wechselnden Säurekonzentrationen ausgesetzt sind.
Ist das so oder wie muss man sich das vorstellen?
Gruss
Kurt
pH-Wert des Bodens
Moderatoren: LCV, stefan, tormi
Hallo Kurt,
im großen und ganzen hast Du recht!
Ein paar (nicht ganz kurze) Erläuterungen:
1. Regen ist immer schwach sauer. Das liegt daran, daß sich das CO2 der Luft im Wasser löst und damit der Regen eine schwache Kohlensäure ist. Bei starker Luftverschmutzung mit SO2 oder Stickoxiden kommen weitere Säuren dazu.
2. Böden entwickeln sich durch die Verwitterung von Gesteinen (Gesteine sind normalerweise aus kristallinen Mineralen aufgebaut, besonders schön zu sehen an der körnigen Struktur von Granit).
Der erste Schritt ist die physikalische Verwitterung, die die Gesteine durch Frostsprengung etc. ein kleinere Teile zerlegen; das geht maximal bis etwa zur Sandkorngröße.
Der zweite Verwitterungsschritt ist die chemische Verwitterung. Am wichtigsten ist die Hydrolyse durch die Kohlensäure des Niederschlagswassers. Diese greift die Oberflächen der Gesteinsbruchstücke an und löst einzelne Ionen aus dem Kristallverband der Minerale. Die Oberflächenvergrößerung durch die physikalische Verwitterung ist verständlicherweise ein wichtige Voraussetzung.
Eine weitere wichtige Säurequelle ist der Humus! Je nach Streuart (Nadelgehölze, Heide!) hat er ebenfalls eine säureliefernde Wirkung.
3. Die Minerale, die die Gesteine aufbauen, bestehen aus unterschiedlichen Elementen. Sobald diese als Folge der chemischen Verwitterung in Lösung gehen bestimmen diese den pH-Wert des Bodens.
Bei einem Boden aus Kalkgestein geht verständlicherweise sehr viel Calcium in Lösung (CaCO3 + H2O -> Ca++ + HCO3- + OH-). Das gelöste Calcium sorgt, ebenso wie die anderen Alkali- und Erdalkalielemente (Natrium, Kalium, Magnesium sind mengenmäßig die relevanten) für einen "hohen" pH-Wert, nahe am Neutralpunkt, d.h. sie wirken "basisch".
Sauer wirkende Elemente sind Eisen, Aluminium (besonders wichtig), Mangan, Schwefel.
4. Da das saure Niederschlagswasser von oben auf den Boden trifft und der saure Humus oben im Boden ist, findet die intensivste Lösung der Minerale auch im oberen Bodenbereich statt. Solange noch Minerale im Boden vorhanden sind, die basisch wirkende Elemente freisetzen können (insbesondere Feldspäte), wird die Versauerung abgepuffert - der Boden bleibt im schwach sauren Bereich -, ansonsten schreitet die Versauerung (z.B. mit Freisetzung von Aluminium) fort.
5. Unter mitteleuropäischen Klimabedingungen herrscht insgesamt im Boden eine abwärts gerichtete Sickerwasserbewegung, so daß die gelösten Elemente letztlich ausgewaschen werden.
In den obersten 1 bis 1,5 m gibt es im Sommer auch kapillaren Aufstieg, dieser transportiert aber nur die schon im Wurzelraum gelösten Stoffe vorübergehend wieder nach oben; im Winter geht's abwärts. Die Lösungsverwitterung ist nicht so intensiv, daß auf diese Weise in stärkerem Maße basisch wirkende Ionen aus dem Unterboden hochtransportiert werden.
Nach diesem langen Vortrag:
- saure Böden sind Böden mit einem pH-Wert unter etwa 4,5;
- ein pH-Wert im Neutralbereich bei etwa 7 (bis 7,5) kann praktisch nur auftreten, wenn fein verteilter Kalk im Boden vorkommt, d.h. vor allem als Gesteinsabrieb oder feinste Kalksteinbruchstücke.
Wenn von "liebt kalkhaltige Böden" die Rede ist, frage ich mich auch immer, was damit gemeint ist. Meines Erachtens sind damit Böden nahe am Neutralbereich gemeint, die noch einen sehr hohen Anteil basischer Ionen besitzen (z.B. Böden, die durch die Verwitterung von Kalkstein entstanden sind, und in deren Untergrund der Kalkstein noch vorhanden ist.)
Manche Pflanzen vertragen eine pH-Wert im Neutralbereich nicht, da durch den hohen pH-Wert die Verfügbarkeit mancher Nährstoffe eingeschränkt wird (z.B. Eisenmangel - Kalkchlorose)
Ich hoffe, ich habe durch diesen langen Text nicht alle verwirrt und verschreckt!
Gruß, Stefan
im großen und ganzen hast Du recht!
Ein paar (nicht ganz kurze) Erläuterungen:
1. Regen ist immer schwach sauer. Das liegt daran, daß sich das CO2 der Luft im Wasser löst und damit der Regen eine schwache Kohlensäure ist. Bei starker Luftverschmutzung mit SO2 oder Stickoxiden kommen weitere Säuren dazu.
2. Böden entwickeln sich durch die Verwitterung von Gesteinen (Gesteine sind normalerweise aus kristallinen Mineralen aufgebaut, besonders schön zu sehen an der körnigen Struktur von Granit).
Der erste Schritt ist die physikalische Verwitterung, die die Gesteine durch Frostsprengung etc. ein kleinere Teile zerlegen; das geht maximal bis etwa zur Sandkorngröße.
Der zweite Verwitterungsschritt ist die chemische Verwitterung. Am wichtigsten ist die Hydrolyse durch die Kohlensäure des Niederschlagswassers. Diese greift die Oberflächen der Gesteinsbruchstücke an und löst einzelne Ionen aus dem Kristallverband der Minerale. Die Oberflächenvergrößerung durch die physikalische Verwitterung ist verständlicherweise ein wichtige Voraussetzung.
Eine weitere wichtige Säurequelle ist der Humus! Je nach Streuart (Nadelgehölze, Heide!) hat er ebenfalls eine säureliefernde Wirkung.
3. Die Minerale, die die Gesteine aufbauen, bestehen aus unterschiedlichen Elementen. Sobald diese als Folge der chemischen Verwitterung in Lösung gehen bestimmen diese den pH-Wert des Bodens.
Bei einem Boden aus Kalkgestein geht verständlicherweise sehr viel Calcium in Lösung (CaCO3 + H2O -> Ca++ + HCO3- + OH-). Das gelöste Calcium sorgt, ebenso wie die anderen Alkali- und Erdalkalielemente (Natrium, Kalium, Magnesium sind mengenmäßig die relevanten) für einen "hohen" pH-Wert, nahe am Neutralpunkt, d.h. sie wirken "basisch".
Sauer wirkende Elemente sind Eisen, Aluminium (besonders wichtig), Mangan, Schwefel.
4. Da das saure Niederschlagswasser von oben auf den Boden trifft und der saure Humus oben im Boden ist, findet die intensivste Lösung der Minerale auch im oberen Bodenbereich statt. Solange noch Minerale im Boden vorhanden sind, die basisch wirkende Elemente freisetzen können (insbesondere Feldspäte), wird die Versauerung abgepuffert - der Boden bleibt im schwach sauren Bereich -, ansonsten schreitet die Versauerung (z.B. mit Freisetzung von Aluminium) fort.
5. Unter mitteleuropäischen Klimabedingungen herrscht insgesamt im Boden eine abwärts gerichtete Sickerwasserbewegung, so daß die gelösten Elemente letztlich ausgewaschen werden.
In den obersten 1 bis 1,5 m gibt es im Sommer auch kapillaren Aufstieg, dieser transportiert aber nur die schon im Wurzelraum gelösten Stoffe vorübergehend wieder nach oben; im Winter geht's abwärts. Die Lösungsverwitterung ist nicht so intensiv, daß auf diese Weise in stärkerem Maße basisch wirkende Ionen aus dem Unterboden hochtransportiert werden.
Nach diesem langen Vortrag:
- saure Böden sind Böden mit einem pH-Wert unter etwa 4,5;
- ein pH-Wert im Neutralbereich bei etwa 7 (bis 7,5) kann praktisch nur auftreten, wenn fein verteilter Kalk im Boden vorkommt, d.h. vor allem als Gesteinsabrieb oder feinste Kalksteinbruchstücke.
Wenn von "liebt kalkhaltige Böden" die Rede ist, frage ich mich auch immer, was damit gemeint ist. Meines Erachtens sind damit Böden nahe am Neutralbereich gemeint, die noch einen sehr hohen Anteil basischer Ionen besitzen (z.B. Böden, die durch die Verwitterung von Kalkstein entstanden sind, und in deren Untergrund der Kalkstein noch vorhanden ist.)
Manche Pflanzen vertragen eine pH-Wert im Neutralbereich nicht, da durch den hohen pH-Wert die Verfügbarkeit mancher Nährstoffe eingeschränkt wird (z.B. Eisenmangel - Kalkchlorose)
Ich hoffe, ich habe durch diesen langen Text nicht alle verwirrt und verschreckt!
Gruß, Stefan
Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten
(Rabindranath Tagore)
https://baum-des-tages.blogspot.de/
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https://baum-des-tages.blogspot.de/
pH-Wert des Bodens
Hallo Stefan
Hut ab!
Applause für diese sehr verständliche Aufklärung.
Gruß Spinnich
Hut ab!
Applause für diese sehr verständliche Aufklärung.
Gruß Spinnich
Das Talent der Menschen, sich einen Lebensraum zu schaffen, wird nur durch ihr Talent übertroffen, ihn zu zerstören.
- Georg Christoph Lichtenberg -
- Georg Christoph Lichtenberg -
Hallo Stefan
Ein grosses Dankeschön für diesen klar strukturierten, klar verständlichen und dennoch kompetenten Beitrag.
Und: Ich habe etwas ganz wichtiges für die Praxis gelernt. Du hast geschrieben:
"Wenn von "liebt kalkhaltige Böden" die Rede ist, frage ich mich auch immer, was damit gemeint ist. Meines Erachtens sind damit Böden nahe am Neutralbereich gemeint, die noch einen sehr hohen Anteil basischer Ionen besitzen (z.B. Böden, die durch die Verwitterung von Kalkstein entstanden sind, und in deren Untergrund der Kalkstein noch vorhanden ist.)
Manche Pflanzen vertragen eine pH-Wert im Neutralbereich nicht, da durch den hohen pH-Wert die Verfügbarkeit mancher Nährstoffe eingeschränkt wird (z.B. Eisenmangel - Kalkchlorose)"
Bisher habe ich immer angenommen, dass für Sämlinge ein neutraler Boden, also ein pH-Wert von 7, gut ist. Den bei mir vorhandenen Boden habe ich jeweils von 5,5 mit Asche auf über 7 "aufgemotzt", was ja wohl falsch war. Erstaunlicherweise haben die meisten das überlebt.
Nochmals besten Dank
Kurt
Ein grosses Dankeschön für diesen klar strukturierten, klar verständlichen und dennoch kompetenten Beitrag.
Und: Ich habe etwas ganz wichtiges für die Praxis gelernt. Du hast geschrieben:
"Wenn von "liebt kalkhaltige Böden" die Rede ist, frage ich mich auch immer, was damit gemeint ist. Meines Erachtens sind damit Böden nahe am Neutralbereich gemeint, die noch einen sehr hohen Anteil basischer Ionen besitzen (z.B. Böden, die durch die Verwitterung von Kalkstein entstanden sind, und in deren Untergrund der Kalkstein noch vorhanden ist.)
Manche Pflanzen vertragen eine pH-Wert im Neutralbereich nicht, da durch den hohen pH-Wert die Verfügbarkeit mancher Nährstoffe eingeschränkt wird (z.B. Eisenmangel - Kalkchlorose)"
Bisher habe ich immer angenommen, dass für Sämlinge ein neutraler Boden, also ein pH-Wert von 7, gut ist. Den bei mir vorhandenen Boden habe ich jeweils von 5,5 mit Asche auf über 7 "aufgemotzt", was ja wohl falsch war. Erstaunlicherweise haben die meisten das überlebt.
Nochmals besten Dank
Kurt