Neues von der Marienkäferfront

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LCV
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Neues von der Marienkäferfront

Beitrag von LCV »

Hallo,

in einem anderen Thread habe ich noch vor wenigen Tagen wahrheitsgemäß berichtet, dass in diesem Jahr so gut wie keine asiatischen Marienkäfer aufgetaucht sind, aber nur wenige km südwestlich von hier in den Hotels Schilder aushingen, man solle wegen der Marienkäferinvasion die Fenster geschlossen halten. Dies stimmte so weit bis heute mittag 14.00 Uhr. Heute morgen war es noch relativ kühl und etwas bewölkt, aber mittags blauer Himmel und richtig schön Sonne. Balkonwetter. Denkste. Urplötzlich kamen asiatische Marienkäfer in Schwärmen. Sofort waren hunderte auf dem Balkon und auch an allen Fenstern. Die üblichen hellorangen mit 19 Punkten, auch etwas rötlicher gefärbte, manche auch mit etwas dickeren Punkten. Aber erstmalig auch eine größere Anzahl hochglänzender schwarzer mit nur 4 roten Punkten. Die hatte ich noch nie gesehen. Frage an Karola: Sind das auch asiatische oder evtl. auch Bastarde mit einheimischen Arten? Die rannten an den Wänden so hektisch hin und her, dass mir kaum ein gutes Foto gelang. Das beste davon hier.

Ich glaube, dass diese Erscheinung meine Theorie stützt, dass diese Arten in Schwärmen regelrecht wandern. Wahrscheinlich weichen Sie bestimmten Wetterbedingungen aus. Bei einheimischen Arten sind mir Schwarmbildungen noch nie aufgefallen. Aber hier tauchen von einer Minute auf die andere gleich tausende auf. Überall in der Luft sieht man sie herumschwirren. Sie versuchten auch, sich gleich gruppenweise hinter den Dichtungen der Alufenster zu verstecken. Vermutlich wegen der kühlen Nächte.

Gruß Frank
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Harztroll
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Beitrag von Harztroll »

Hi,

waren die Asiatischen so um 1988/89 auch schon hier bzw. viel mehr im Ostseeraum unterwegs? Wir waren zu dieser Zeit an der Ostsee und sind auf Teppichen toter Marienkäfer gewandelt. Das war extrem, man kann es gar nicht so beschreiben, geschweige denn vorstellen, wie das da aussah. Ich meine, es waren damals heimische Siebenpunkt. Der Taxifahrer erzählte, daß sie nur mit Scheibenwischer fahren konnten. Und die Kerlchen waren aggressiv, die konnten richtig beißen.

Viele Grüße
Ich sehe mich nach der Vergangenheit um, die ist verworren und finster wie ein abendlicher Wald, und die Zukunft ist ein Abgrund, voll von Nebel. - Löns -

Andreas75
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Beitrag von Andreas75 »

Hallo!

Ja, die schwarzen sind auch Asiaten, die sind farblich und im Muster ungeheuer variabel. Den Asiaten erkennst Du in Schwarz, wenn nicht am Pronotum (Halsschild), so doch am typisch gefärbten Kopf, den gelblichen Fühlern und auch an der ins gelbliche spielenden Körperunterseite.

Was da an der Ostsee war, waren heimische, da:
a) Die Asiaten erst seit 2001 frei in Europa nachgewiesen sind.
b) Ich ebenfalls '90/ '91 an der Ostsee (vor Usedom) Riesenschwärme an Marienkäfern sah, alles Siebenpunkte und wenige Zweipunkte.

Die einheimischen wandern also auch in Schwärmen, wenn die Population zu dicht ist, wo sie herkommen. Sie machen es also ähnlich wie die Lemminge.
Und dadurch, daß sie völlig ausgehungert sind, und im nahrungsarmen Raum vor der Ostsee quasi festhängen, kauen sie auch alles an, was nach Fleisch aussieht, so auch mich damals. Ich war damals 15, und daß die so hemmungslos und spürbar beißen können, hat dem bis dahin geltenden Niedlichkeitsfaktor doch erheblichen Abbruch getan ;).

Grüße, Andreas

Harztroll
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Beitrag von Harztroll »

Kiefer hat geschrieben: ... und daß die so hemmungslos und spürbar beißen können, hat dem bis dahin geltenden Niedlichkeitsfaktor doch erheblichen Abbruch getan ;).
Genau so war das bei mir auch :lol:
Wir waren damals auf Poel und die Wege zum Strand runter waren einfach nur rot-schwarz gepolstert (recht angenehmes Barfußgehen :P :wink: )
Ich sehe mich nach der Vergangenheit um, die ist verworren und finster wie ein abendlicher Wald, und die Zukunft ist ein Abgrund, voll von Nebel. - Löns -

Karola
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Beitrag von Karola »

Hallo Frank,

soweit ich weiß, gibt es keine Mischlinge unterschiedlicher Marienkäferarten. Eine übersicht über die Färbungsvarianten verschiedener Marienkäferarten ist hier zu finden: http://www.kerbtier.de/Pages/Themenseit ... lidae.html

Grüße
Karola

Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi »

Tolle Übersicht. Tatsächlich sind mir die meisten Arten schon mal über den Weg gelaufen.
Interessant finde ich auch die Kopfschildbemusterung von Adalia decempunctata, die was Maskenhaftes hat.

kurt
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Beitrag von kurt »

Ich war vor ungefähr 40 Jahren mal in der Nähe von Mamaia am
Schwarzen Meer. Dort war ein ca. 100m breites Band von Marienkäfern im Meer direkt an das Ufer anschliessend. Baden praktisch unmöglich. Ein dichter Teppich. Man sagte mir, es sei jedes Jahr dasselbe Schauspiel. Welche Jahreszeit weiss ich nicht mehr so genau, vermutlich Spätsommer.
Hier habe ich bisher dieses Jahr nur einzelne gesehen.

Gruss
Kurt

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LCV
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Beitrag von LCV »

@ Kiefer, Harztroll, Kurt: Danke für die Berichte.
@ Karola: Danke für den Link, tolle Übersicht.

Habe auch noch eine interessante Seite gefunden:
http://www.7tepe.de/marienkaefer.html

Dort wird genau das beschrieben, was gestern hier abging. In den kleinsten Ritzen der Alufenster hinter den Gummilippen haben die sich eingenistet. Die müssen den Wetterumschwung gemerkt haben, denn im Augenblick haben wir nur 10° C bei strömendem Regen. Das ist offenbar schon zu kalt, denn wenn man einen zum Fenster hinauswirft, bringt er die Flügel nicht auf, sondern knallt zu Boden. Ich habe jetzt mit dem Handstaubsauger alle (?) aus den Fensterritzen herausgeholt und rausgeworfen.

Interessant ist, dass die an warmen Tagen im Winter aus dem Versteck kommen und dabei alle Kraft aufbrauchen und sterben. Da ist unsere Gegend ja gut geeignet, um die Plage etwas zu dezimieren.

Schlimm ist das für den Weinbau, weil die sich gern zwischen den Trauben verstecken und lt. Bericht durchschnittliche 1,7 Käfer pro Kg reichen, um den Geschmack zu verderben.

Man kann es nur wiederholen: Welche Vollidioten sind auf die Idee gekommen, diese Pest ins Land zu holen und welche doch sonst so pingeligen Behörden haben das erlaubt??? Jetzt kann sich die Wissenschaft ja mal damit befassen, wie man die wieder los wird. Mit Gift wird das nichts und schadet nur noch mehr. Gegen Krankheiten sind die fast immun und Fressfeinde gibt es kaum. Da fällt mir nur noch die Methode mit dem "Sterilisieren" ein, falls das hier machbar ist. Dabei werden so viele Käfer wie möglich unfruchtbar gemacht (Bestrahlung) und dann wieder auf die anderen losgelassen. Dadurch vermehren sie sich weniger stark. In den 60-er oder 70-er Jahren hat man in Texas auf diese Weise eine Fliege oder Mücke ausgerottet, die gefährliche Krankheiten übertrug. Der wesentliche Aspekt, dass die Männchen sich so oft wie möglich paarten, während die Weibchen dies nur einmal zuließen. Dadurch konnte 1 Männchen gleich eine ganze Anzahl Weibchen unbefruchtet "ausschalten". Wenn diese Marienkäfer auch Vielweiberei betreiben, könnte das funktionieren.

Da hier inzwischen wirtschaftliche Schäden durch den asiatischen Marienkäfer zu erwarten sind, wird man vielleicht etwas tun. Ginge es nur um den Artenschutz der einheimischen Käfer, würde sich wahrscheinlich kein Geld dafür finden lassen.

Gruß Frank

Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi »

Ist es so, dass diese Käfer offiziell eingeführt wurden? Oder waren es eher, wie in vielen solcher Fälle, blinde Passagiere?

Karola
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Beitrag von Karola »

Kiefernspezi hat geschrieben:Ist es so, dass diese Käfer offiziell eingeführt wurden? Oder waren es eher, wie in vielen solcher Fälle, blinde Passagiere?
Er wurde eingeführt, allerdings zur Schädlingsbekämpfung in Gewächshäusern. Wie man allerdings glauben konnte, ein relativ kleines Tier auf den Innenbereich begrenzen zu können... http://de.wikipedia.org/wiki/Asiatische ... k%C3%A4fer

Grüße
Karola

Harztroll
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Beitrag von Harztroll »

Nur 10°? Als ich am Mittwoch in Thüringen war, waren es -2°...
Ich sehe mich nach der Vergangenheit um, die ist verworren und finster wie ein abendlicher Wald, und die Zukunft ist ein Abgrund, voll von Nebel. - Löns -

Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi »

@Karola: Die Idee hätte von Walter Ulbricht sein können. :wink:

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LCV
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Beitrag von LCV »

Hallo Kiefernspezi,

wenn man den Zeitungen glauben darf, wurden diese Käfer ganz gezielt für Gewächshäuser gekauft, um Schädlinge wie Blattläuse zu bekämpfen. Man hätte dies besser mit einheimischen Arten versucht, die zwar nicht ganz so gefräßig sind, aber auch nicht alle möglichen anderen heimischen Arten verdrängen bzw. auffressen. Es gibt Firmen, die bestimmte Insekten für solche Zwecke verkaufen. So etwas ist aber genehmigungspflichtig, wenn es eine hier nicht ansässige Art ist. Naiv war zu glauben, dass die in den Gewächshäusern bleiben. Die erste große Plage in D war vor einigen Jahren im Großraum Frankfurt aufgetreten bzw. wurde da erstmals darüber berichtet. Ein Jahr später tauchten sie schon in Mannheim - Karlsruhe auf und noch ein Jahr später in Südbaden. Auf der Seite, deren Link ich angegeben habe, wird berichtet, dass sie kurz vor Bordeaux sind. Die breiten sich also extrem schnell aus. Dort findest Du auch Infos über die Art und Weise, wie sie nach Frankreich kamen.

Gruß Frank

Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi »

Hätte George Orwell sein Buch bzw. Hörspiel "Die Invasion der Marienkäfer" genannt, wäre es zwar im ersten Moment nicht so erschreckend gewesen - welches Kind liebt keine Marienkäfer - aber heute um so realistischer.
Allerdings kann ich mich erinnern, dass es speziell auf Rügen an der Ostsee bereits in den 80er Jahren Marienkäferplagen gab. Insbesondere gelbe Kleidungsstücke wurden "angegriffen". Aber das waren heimische Arten.

Andreas75
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Beitrag von Andreas75 »

Hy!

Nun, den Asiaten werden wir nicht mehr los, und europadeckend mit dem Sterilitäts- Trick zu arbeiten, ist leider utopisch.

Ich selbst hatte für insbesondere die Sieben- und Zweipunkte schon schwarz gesehen, nachdem ich wie gesagt mehrere Jahre per anno nur noch max. 7 Stück dieser Arten sah, doch erbaute mich, daß dieses Jahr das Zahlenverhältnis ausgeglichen war, die kurzzeitig -18 Grad hier letzten Winter die Asiaten also empfindlich getroffen haben.
Auch wird der asiatische Marienkäfer gerne von Spinnen angenommen, wie mir dies Jahr einige Funde in Kreuzspinnen-, Winkel-, und Kugelspinnen- Netzen zeigten, heimische waren unter den erbeuteten Marienkäfern nicht.

Ich bin also der Meinung, die Natur kriegt das ganz gut allein hin, ähnlich wie bei den Türkentauben, die ja im letzten Jahrhundert auch eine beispiellos furiose Ausbreitungsgeschwindigkeit zeigten, und insbesondere in den 1970ern und -80ern beinahe in jeder Gartenkonifere etc. nisteten.
Seit etwa Mitte der 90er hingegen sind die Türkentauben wieder zu einer Riesenrarität geworden, und heute ist es was besonderes, ein Paar im Jahr zu sehen, oder einen rufenden Täuber zu hören...
Vielleicht haben wir Glück und mit dem Asiaten läuft es ähnlich.

Grüße, Andreas

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