Hallo Wolfgang!
Ich kann mich deinem Elnleitungspost nur voll anschließen..
Hier ganz in meiner Nähe, nur etwa ein gemütliches halbes bis dreiviertel Stündchen zu laufen, steht der mit 900 Jahren älteste Baum Berlins, die "Dicke Marie", eine Stieleiche.
Die hat ihren Namen von niemand geringerem als von den Gebrüdern von Humboldt, die im nahen Schloß Tegel aufwuchsen, und welches Wilhem von Humboldt schließlich auch zum Alterssitz wurde. Benannt hatten die jugendlichen von Humboldts die Eiche nach der wohlbeleibten Köchin des Schlosses Tegel, und sogar Johann Wolfgang von Goethe hat einst in ihrem Schatten verweilt, und den Ort Tegel schließlich sogar in seinem "Faust" erwähnt.
Wenn ich mir nun vors geistige Auge rufe, daß sie ca. 1100 keimte, und was zu dieser Zeit alles noch war/ nicht war:
- Berlin erst eine Ansammlung von Hütten am Spreeufer
- Hochmittelalter
- Noch Bären, Ure, Wölfe in den Wäldern
- Friedrich Barbarossa deutscher Kaiser
... und mir dann überlege, was sie er- und überlebt hat
- Die Entdeckung Amerikas
- Das Aussterben von so zahlreichen Arten wie Dodo, Quagga, Stellersche Seekuh, Thylacin und so vielem mehr
- Hunderte Kriege, Klimaschwankungen, verheerendste Seuchen
... was sie also für Äonen miterlebt hat, trotz ihrer "nur" 900 Jahre (nur im Hinblick auf die Pinus aristata und longaeva, die ja schon angesprochen wurden...), da kann man nur das Knie beugen, sich verneigen und vor solcher Majestät den Hut ziehen, ehrlich.
Wir als Menschen, von uns wird sehr schnell nichts mehr übrig sein, wenn es uns einmal nicht mehr gibt, innerhalb von 500 Jahren wäre es schon weitestgehend so, und dann stünden solche Monumente noch immer stark und stämmig und zeugen von lange vergangenen Zeiten.
Jedesmal, wenn ich die Dicke Marie besuche, nehme ich mir lange Zeit, und lasse ihre Magie auf mich wirken, wie sie da mit ihren 2,10 m Durchmesser da steht, ihre wenigen noch grünen Äste ans Licht hält, und versuche mir zu denken, wie es einst war.
Sie steht am Fuße eines ausgedehnten ehemaligen Wanderdünengebietes, auf dem der Tegeler Forst stockt, und direkt an einem kleinen Erlen/ Ahorn/ Ulmenbruch. Das Bodenniveau sinkt relativ rasch zum sumpfigen Teil ab, und also war der Tegeler See zu früheren Zeiten bis in ihren Kronenbereich ausgedehnt, und aufgrund ihrer tief ansetzenden dicken Astrelikte kann man ersehen, daß sie auch einst Solitärstand hatte...
Nun kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, daß sie wohl auf einer ausgedehnten Wiese/ Weide direkt am See stand...
Aber naja, gerade all das fasziniert mich so. EIN Lebewesen, seit Jahrhunderten das selbe an genau diesem Ort...
Ich habe meiner zukünftigen Frau unter der Marie den ersten Kuss gegeben, weil ich mir keine altehrwürdigere und passendere Zeugin unserer sicher auch schon uralten Liebe vorstellen konnte (zu vieles ist seltsam mit uns, als das diese Liebe erst diese kurze Zeit bestehen könnte

), und fragte mich, wieviele Paare sich unter ihr schon ihre unverbrüchliche Treue und Liebe schworen, in all der langen Zeit.
Und mit ebensolcher inneren, aufrichtigen Ehrfurcht gehe ich an alle Bäume heran, und will als Landschaftsgärtner, der ich bin, nur ihr bestes. Den richtigen Schnitt, den optimalen Standort etc. ... Und weiß halt einfach grundsätzlich in meinem Inneren, daß ein Baum, nahezu egal welcher, mich im Lebensalter locker schlägt und außerdem um Welten härter ist, als ich als Mensch es jemals sein werde. Schon allein diese Tatsachen sollten einen nur Ehrfurcht und tiefsten Respekt nicht nur vor den ältesten Veteranen fühlen lassen.
Ansonsten bin ich dieses Jahr sehr glücklich, endlich mal den Wildschweinen zuvorgekommen zu sein, und 15 Eicheln der Dicken Marie geretten haben zu können, die auch allesamt bereits wurzeln.
Sehr viel trägt das alte Mädchen nicht mehr, wovon noch die Hälfte angebohrt ist, ansonsten finden alles die Schweine, so daß sie schon seit längeren Jahren sicherlich keinen Nachkommen mehr produzierte, bereits Anfang Oktober waren in den letzten Jahren alle Eicheln bereits gefressen.
Nun überlege ich etwas...
Trotz ihrer 900 Jahre ist sie durchaus noch zu kräftigem Johannistrieb in der Krone fähig, und ich überlegte, einen solchen von ihr zu veredeln.
Nun wäre es aber auf den Wurzeln einer fremden Eiche ja keinesfalls Marie selber, und auch das Wurzelwerk ist ja ein Grund dafür, daß sie so alt wurde. Was meint ihr, wenn man einen Reis von ihr auf einen ihrer Sämlinge veredeln würde?
Dann wäre die Wurzel zumindest zur Hälfte ihrer Genetik, wenn nicht sogar zum höheren Prozentsatz, da die umstehenden Stieleichen vom Alter her ja locker ihre Nachkommen sein könnten, und so könnten vielleicht dann auch diese "veredelten Maries" ein ähnliches Alter erreichen...
Meint ihr, das wäre in Ordnung, vom ethischen her, oder sollte der Respekt vor diesem Baum einen von solchem Tun Abstand nehmen lassen?
Grüße, Andreas
PS:
Sorry, wenn es mich jetzt bissi packt

, aber wenn man bedenkt, welche Überbringerin uralter Genetik und Zeiten die Marie ist...
1100 war die Römerzeit soeben etwas über 600 Jahre her, was bedeutet, das ihre Eltern möglicherweise diese noch miterlebten, eine Zeit also, in der Mitteleuropa noch größtenteils dichtester Urwald vom Ural bis an die Pyrenäen war.
Was für eine Zeugin und für ein direktes Produkt so alter Zeiten sie also ist, oder noch "schlimmer", die 1200jährigen Eichen von Ivenack in Schleswig- Holstein...
Im Jahre 800 verbreitete sich soeben noch das Christentum, und tanzten noch Druiden um die Bäume... Es ist soooo ein Wahnsinn!