Asiatische Riesenhornisse, mögliche Fressfeinde und ökologische Folgen??

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Chelterrar
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Asiatische Riesenhornisse, mögliche Fressfeinde und ökologische Folgen??

Beitrag von Chelterrar »

Moin an alle Insekten Interessierte,

Nachdem sich seit einiger Zeit die Asiatische Hornisse (Vespa velutina), die wohl 2005 in Frankreich eingeschleppt worden war, in Deutschland ausbreitet und immer mehr Imker Alarm schlagen, kamen auch immer mehr Berichte in den Nachrichten, welche jedoch meist die entschieden größere asiatische Riesenhornisse (Vespa mandarinia) zeigten, die über die Gefahren dieser "invasiven" Tierart aufklären wollten. Quintessenz: Bildet größere Staaten, ist aggressiver zu Honigbienen und Imkern könnten Verluste drohen, wenn sie nicht aufpassen, ist nicht giftiger oder tödlicher als die heimische Hornisse (Vespa crabro) und ist wohl auch für das Ökosystem nicht schlimm, da sie zierlicher als die heimische Hornisse ist und deswegen diese auch nur bedingt überwältigen kann.
Also quasi eine Bereicherung der Artenvielfalt ohne Schädigung heimischer Arten und eine neue Bürde für die Imker mit ihren Zuchtrassen, soweit, so gut.

Doch im letzten Jahr kam es zu einer erstaunlichen Entdeckung, die viel größere Folgen auch für das heimische Ökosystem haben könnte, wenn es hier geschähe. In den USA/Kanada wurden im gemäßigten Klima Individuen der Asiatischen Riesenhornisse (Vespa mandarinia) aufgefunden und über eine mögliche Etablierung der Art in diesen Ländern spekuliert. Die Asiatische Riesenhornisse ist zwei mal so groß wie die heimische Hornisse, kann daher viel mehr Insekten überwältigen und ist dafür berüchtigt, koordinierte Massenangriffe zu starten und ganze Staaten von Wespen oder Bienen auszulöschen. Für die Imker wäre eine Einschleppung eine kapitale Katastrophe, fürchten sie sich doch um ihre Einnahmequelle, welche als Zuchtbiene im Gegensatz zur östlichen Honigbiene, kaum einen Abwehrmechanismus besitzt, um einen solchen Angriff zu überleben.

Doch während ein Ende der Imkerei für die heimischen Arten vielleicht nicht wirklich ein Problem darstellt, ist doch auch die Frage, wie sich eine Einschleppung der Vespa mandarinia auf eben jene auswirken würde. Würde es Arten bedrohen? Wird die Hornisse die Artenzusammensetzung verändern? Oder ist die Hornisse gar von Vorteil, da sie eine unbenutzte Nische besetzt und damit die Artenvielfalt erhöht?

Die Frage, die mich jedoch am meisten beschäftigt ist ihr Einfluss auf die heimische Hornisse (Vespa crabro). Können diese beiden Arten koexistieren oder kommt es zwangsläufig zu einem Konkurrenzausschlussprinzip, bei dem die Crabro den Kürzeren zieht und komplett ausstirbt? Das wäre natürlich schade und sollte nicht eintreten.

Ebenso ist es wichtig, wodurch bei einer Einschleppung dieser Hornisse die Population reguliert werden kann, also welche heimischen Tiere in der Lage wären, Individuen der Asiatischen Riesenhornisse zu erbeuten und zu verwerten. Da die zierliche Crabro keine Chance gegen die Mandarinia hat, wird die Zahl der Fressfeinden unter den Insekten deutlich eingeschränkt, wodurch andere Klassen dies übernehmen müssen. Folgende Arten kommen mir aktuell in den Sinn, welche Chancen hätten, die Riesenhornisse zu überwältigen und zu erbeuten.

- Wespenbussard
- Gottesanbeterin
- Wespenspinnen
- Spitzmäuse
- Frösche?
- Fledermäuse??

Doch was glaubt ihr, was für einen Einfluss hätte die Asiatische Riesenhornisse auf die Natur Deutschlands, welche Tierarten glaubt ihr, können die Hornisse überwältigen und haltet ihr im Extremfall die Einfuhr natürlicher Feinde wie den Schopfwespenbussard oder dem Fächerflügler (Xenos moutoni) für sinnvoll, um die Bestände zu reduzieren, wenn die heimischen Arten versagen?

Gespannte Grüße, Chelterrar.

Andreas75
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Re: Asiatische Riesenhornisse, mögliche Fressfeinde und ökologische Folgen??

Beitrag von Andreas75 »

Bei der velutina denke ich, wird sich die heimische Hornisse freuen, da das eine reichlichere Beute ist als die doch kleinen Wespen, die sie bislang gerne erbeutet. Da sehe ich kein Problem.

Was die mandarinia angeht, so stelle ich mir die Frage, ob unsere insektentechnisch äußerst ausgelaugten Ökosysteme überhaupt noch genug hergeben, um diese doch sehr massive und ebenso proteinbedürftige Art zu fördern. Auch wenn sie gezielt auf Bienen-, Wespen- und vllt. auch Hornissennester gehen, so denke ich nicht, dass da genug Nahrung zusammen kommt, um ihr flächendeckende Besiedlung zu erlauben. Von geeigneten Nisträumen, an denen unsere herkömmliche Hornisse ja bereits oft scheitert, ganz zu schweigen.
Auch die strikte Saisonalität und dadurch bedingte relative Kleinheit unserer Wespen, Hummeln und Hornissen wirken dem sicher entgegen. Im Gegensatz zu wärmeren Gefilden, wo die Nester durchaus mehrjährig und viel kopfstärker sein können und so eine viel bessere Ernährungsbasis bieten.

Auch sind unsere Honigbienen zwar "dumm domestizierte" Haustiere, aber wehren können sie sich. Zum Beispiel, indem sich mehrere an eine Hornisse dran hängen und sie schlicht zum Überhitzen bringen, da sie ja als im Volk überwinternde Art effektiv heizen können. Zur Not müsste man die Bienen wieder etwas wehrhafter züchten.

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LCV
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Re: Asiatische Riesenhornisse, mögliche Fressfeinde und ökologische Folgen??

Beitrag von LCV »

Ob sich eine Gottesanbeterin mit einer Riesenhornisse anlegt, wage
ich zu bezweifeln. Einen Wespenbussard habe ich vielleicht vor 30
Jahren zum letzten mal gesehen. Abgesehen davon, Habicht, Sperber,
Mäusebussard sind inzwischen auch selten. Was man noch sieht, ab und
zu einen Turmfalken und relativ viele Gabelweihen (Milane). Vielleicht
hängt es damit zusammen, dass in unserer Region die Saatkrähe zur
Plage geworden ist. Die ziehen zu Tausenden durch die Gegend und
räubern auch Nester aus. Sollte man zum Abschuss freigeben, da
andere Vogelarten hier stark reduziert wurden.

Ganz falsch fände ich es, irgendwelche anderen Tierarten zur Bekämpfung
der Hornisse einzubürgern. So etwas geht meistens daneben, wie man
an vielen Beispielen sehen kann.

Spinnich
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Re: Asiatische Riesenhornisse, mögliche Fressfeinde und ökologische Folgen??

Beitrag von Spinnich »

@ Chelterrar
- Wespenbussard
- Gottesanbeterin > zu selten und zu klein für solche starken, wehrhaften Brummer
- Wespenspinnen > viel zu klein für solche starken, wehrhaften Brummer
- Spitzmäuse > passt kaum ins Beuteschema und die könnte gerade mal einzelne Individuen attakieren
- Frösche? > never
- Fledermäuse?? > fressen, da Nach-taktiv niemals Tag-aktiven Stechimmen und das passte, wenn überhaupt zu afrikanischen (und vergleichbaren) Wüsten bewohnenden Arten, die auch schon mal Jagd auf Skorpione machen.
@ Andreas75
Leider wird das nicht funktionieren, unsere Honigbienen wehrhafter zu züchten.
Das Verhalten der Bienen die seit vielen tausend Jahren mit der Riesenhornisse in Japan (größte Unterart) im gleichen Lebensraum existieren, hat sich über einen extrem langen Zeitraum entwickelt. diese Bienen können die Hornissen töten indem sie sich um die Eindringlinge zusammenballen und diese bis zum Tode überhitzen, da sie selbst etwas höhere Temperaturen aushalten. So etwas kann aber keine Bienenart oder Rasse sich mal eben aneignen.
Die Bienen bei uns können allenfalls aggressiver und effektiver gegen Varroa-Milben vorgehen, besonders die in Deutschland (auch von Imkern) ausgerottete heimische dunkle Honigbiene.
@ LCV
Die Schuld am verschwinden von Greifvögeln auf die Krähen zu schieben halte ich für fehl am Platze.
Bei uns gibt es noch viele Mäusebussarde (stark schwankend und abhängig vo der Mäusepopulation), Milane, und Habichte, Turmfalken sowieso.
Auch Wanderfalken, Käuze und selbst der Uhu brüten in unserer Umgebung, leider sind sie aber oft Störungen ausgesetzt.
Leider höre ich ständig Stimmen, dass das Raubzeug, besonders Habicht und Sperber mehr gejagt werden müsse, da diese unsere seltenen Vögel dezimieren.
Dabei liegt es auf der Hand, dass es der Verlust von Lebensraum, Ruhezonen und Nahrung sowie Umweltgifte sind, die für den Rückgang vieler Arten, besonders der Bodenbrüter oder des Wespenbussards und des Neuntöters verantwortlich sind.
Den einzigen Wespenbussard, den ich zu sehen bekam war ein Opfer einer Windkraftanlage. das Tier hatte überlebt, ein Flügel war abgetrennt und es braucht nun lebenslang Betreuung. Die Überstellung in eine Zucht- und Auffangstation in ein anderes Bundesland wurde jedoch durch die bayerischen Behörden verboten. Die Missachtung aller Auflagen zum Schutz von Greifvögeln im Umfeld von Windkraftanlagen, hatte für den Betreiber der Anlagen und den Landwirt, der die Fläche um das Windrad illegal vorzeitig gemäht hatte, dagegen keinerlei Konsequenzen.

Dank der Aktivitäten unseres LBV können wir derzeit noch einige Brutpaare von Weihen und anderen besonders gefährdeten Arten erhalten, bei manchen sind es die letzten in ganz Bayern.
Die Krähen sind als intelligente Vögel Kulturfolger des Menschen und sie konnten sich sogar an den widerwärtigen Umgang mit unserer Umwelt anpassen, was anderen Arten leider nicht so gut gelingt
Die Jagd auf Krähen wird aber die Fehler nicht beseitigen die wir im Umgang mit der Natur angerichtet haben.

LG Spinnich :roll:
Das Talent der Menschen, sich einen Lebensraum zu schaffen, wird nur durch ihr Talent übertroffen, ihn zu zerstören.
- Georg Christoph Lichtenberg -

Chelterrar
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Re: Asiatische Riesenhornisse, mögliche Fressfeinde und ökologische Folgen??

Beitrag von Chelterrar »

Moin,

Ich glaube, dass zumindest in einigen Regionen die Riesenhornisse einiges zu fressen bekäme und wie ich gerade merke, gibt es recht wenig, was das verhindern möchte. Ich sehe auch gerade, wie klein die Gottesanbeterin (Mantis religiosa) eigentlich ist, ich dachte die ganze Zeit an die Japanische Riesenmantis (Tenodera aridifolia) die hier aber gar nicht vorkommt. Vielleicht noch eine Art, dessen Ansiedlung man im Extremfall überlegen sollte? Aber man sollte vorher prüfen, welche Folgen die Ansiedlung der Riesenmantis hätte, denke aber, dass diese keine großen Probleme machen würde.

Spinnich:
Wie schätzt du die ökologischen Folgen einer Einschleppung der Riesenhornisse ab? Glaubst du, sie wird eine Nische füllen und nicht groß stören oder andere Arten merklich beeinflussen?

LG Chelterrar

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LCV
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Re: Asiatische Riesenhornisse, mögliche Fressfeinde und ökologische Folgen??

Beitrag von LCV »

Krähen: Hier sind derartige Mengen von Saatkrähen unterwegs, dass
das Gleichgewicht gestört ist. Die attackieren auch andere Vögel und
räubern Nester aus. Es geht nicht um die Art an sich, sondern um diese
hier immer größer werdenden Populationen. In anderen Regionen mag es
anders sein.

Einführung von Fressfeinden: Niemals !!!
Niemand kann wirklich abschätzen, welche Auswirkungen das hat.
Sobald der Mensch in seiner "Weisheit" meint, irgendwo eingreifen zu
wollen, hat das fast immer fatale Folgen.

Spinnich
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Re: Asiatische Riesenhornisse, mögliche Fressfeinde und ökologische Folgen??

Beitrag von Spinnich »

ich würde Frank in seiner Skepsis (Einführung fremder Arten) recht geben und muss dennoch nochmals eine weitere Aussage von Frank aufgreifen:
"Sobald der Mensch in seiner "Weisheit" meint, irgendwo eingreifen zu wollen, hat das fast immer fatale Folgen."
Das gilt für mich auch für die "lästigen Krähen" - Da hat der Mensch auch schon durch sein Eingreifen Hand angelegt, dass es überhaupt zu solchen negativen Auswirkungen gekommen ist.

Bei dem Versuch das zu korrigieren sollte man jedenfalls äußerste Vorsicht und Zurückhaltung üben. In Großstädten gibt es einige problematische Krähenkolonien, die gegebenenfalls sogar vergrämt werden durften, wenn Ausweichflächen für diese Kolonien im näheren Umfeld verfügbar waren.
Aber bestimmte Rahmenbedingungen müssen definitiv eingehalten werden.

Jedenfalls gibt es dafür keine einfachen Lösungen!!!

LG Dieter / Spinnich 8)
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- Georg Christoph Lichtenberg -

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