Liebe Baumkunde-interessierte,
mich beschäftigt seit längerem die Frage wie "nahe" diverse Zuchtformen von Baumschulen an den jeweiligen Wildformen sind. Mir ist diesbezüglich natürlich klar, dass dies für jede Zuchtform unterschiedlich sein wird und von der Zuchtgeschichte abhängt. Aber generell, wie sieht es mit dem "ökologischen Wert" einer Pflanzen, beispielsweise für zahlreiche spezialisierte Insekten und andere Tiere aus?
Als Beispiel: Wird eine Zikade, die auf eine Baumart spezialisiert ist, auch eine Zuchtform dieser Baumart nutzen?
Ein Grund warum mich diese Frage interessiert ist der, dass ich in meinem Garten einheimische Laubbäume setzen möchte, aber mit dem Platz natürlich schnell an Grenzen stoße. Eine Rotbuche und Esche brauchen beispielsweise viel Platz. Jetzt gibt es zu diversen Baumarten "kleinere" Zuchtformen, die dann eben nur 6-10m groß und nicht so breit werden. Ein anderes Beispiel ist die Feldulme, die durch das Ulmensterben bedroht ist. Diverse Baumschulen bieten eine "Zwergulme - Ulmus minor 'Jacqueline Hillier'" an. Dieser Baum (oder Strauch) braucht wenig Platz, ist günstig und offenbar resistent (?). Doch wieviel "Ulmus minor" steckt in dieser Züchtung? Würdet ihr diesen Baum noch als Feldulme ansprechen, oder ist das ein Ziergehölz mit vergleichsweise geringeren ökologischen Wert als die Wildform? (Die Jacqueline Hillier Züchtung wird auch als Ulmus x hollandica Version angeboten, aber wenn namenhafte Baumschulen den Baum als Ulmus minor verkaufen, wird das ja hoffentlich auch so sein)
Mir ist bewusst, dass die Frage etwas holprig und vermutlich schwer zu beantworten ist, aber vielleicht hat ja jemand eine Idee dazu.
lg
Bernhard
Wie "nahe" sind diverse Zuchtformen von Bäumen an den Wildformen?
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Bernhard_B
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- Registriert: 26 Feb 2014, 15:49
Re: Wie "nahe" sind diverse Zuchtformen von Bäumen an den Wildformen?
Teil der Antwort:
Im neuesten Hillier-Handbuch wird dieses Taxon immer noch als Ulmus ×hollandica 'Jacqueline Hillier' katalogisiert.
Andere Quellen sagen, es könnte ein Klon von U.minor sein...
Im neuesten Hillier-Handbuch wird dieses Taxon immer noch als Ulmus ×hollandica 'Jacqueline Hillier' katalogisiert.
Andere Quellen sagen, es könnte ein Klon von U.minor sein...
Re: Wie "nahe" sind diverse Zuchtformen von Bäumen an den Wildformen?
Die Frage ist interessant.
Was die Insekten und Tierwelt anbetrifft: es kommt auch drauf an, welche Eigenschaften die Züchtung von ihrem Wildling übernommen hat. Eine gefüllte Blüte beispielsweise bringt dem Auge zwar viel, aber dem Bienchen nichts. So sind beispielsweise die Zierkirschen viel weniger nützlich als die Waldkirsche.
Wie es aber beispielsweise mit den Blättern und den anderen Sachen ist, kann ich zuwenig sagen.
Was die Insekten und Tierwelt anbetrifft: es kommt auch drauf an, welche Eigenschaften die Züchtung von ihrem Wildling übernommen hat. Eine gefüllte Blüte beispielsweise bringt dem Auge zwar viel, aber dem Bienchen nichts. So sind beispielsweise die Zierkirschen viel weniger nützlich als die Waldkirsche.
Wie es aber beispielsweise mit den Blättern und den anderen Sachen ist, kann ich zuwenig sagen.
Re: Wie "nahe" sind diverse Zuchtformen von Bäumen an den Wildformen?
Hallo Bernard,
die Möglichkeiten sind ziemlich vielfältig!
Um ein paar Varianten zu nennen, die mir auf Anhieb einfallen:
1. Gerade bei Gehölzen gibt es viele Formen / Sorten, die nur durch Auslese und einfache Weitervermehrung entstanden sind. Dazu gehören z.B. alle Blattform- und -farb-Variationen ('laciniata', 'purpurea', ...). Dort sollte für das Ökosystem eigentlich kein Unterschied bestehen (Insekten, Vögel, Pilze, ...)
2. Es gibt eine Reihe von "Wuchsanomalien", die auch nur durch Selektion und Weitervermehrung verbreitet werden. Dazu gehören z.B. Trauerformen, Säulenformen oder Zwergformen, die meist auf Hexenbesen zurückgehen und auch manche Kugelform. Die werden gärtnerisch teils künstlich in der gewünschten Form gehalten, so dass sie möglicherweise nie blühen und deshalb auch nie Früchte tragen. Die veränderte Wuchsform mag in der Pflanze auf abweichende physiologische Prozesse zurückgehen (Wachstumshormone, ...) so dass absolute Spezialisten z.B. eine Pflanze nicht mehr fressen oder besonders stark befallen.
Bei zweihäusigen Arten kann es sein, dass es eine Wuchsform nur mit männlichen oder nur mit weiblichen Blüten gibt mit Konsequenzen für Insekten, Vögel, ....
3. Es gibt die Kreuzung mehrerer Arten, so dass sich in den Nachkommen die Merkmale der Elternarten mischen. Da kann dann ein ökologischer Partner mit zurechtkommen oder auch wegen bestimmter Eigenschaften Probleme bekommen. Oder die Ähnlichkeit zu einem Elternteil ist so groß, dass es für andere Organismen gleichgültig ist.
4. Gefüllte Blüten können meist als Folge von Selektion + Kreuzung entstehen - die sind oft für Blütenbesucher und Fruchtfresser bedeutungslos.
5. Die Einfuhr mancher fremder Arten mit ihren Schadorganismen ist womöglich das größere Problem (Buchsbaumzünsler, diverse Pilzkrankheiten, ...) als die Veränderung durch Zucht.
Es gibt bestimmt noch mehr Aspekte!
Etwas verallgemeinernd kann man m.E. sagen: absolute Spezialisten, die wegen bestimmter Eigenschaften auf eine einzelne Art angewiesen sind, können bei jeder Veränderung in Schwierigkeiten kommen. Generalisten werden selten Probleme bekommen. Konkrete Kenntnisse dazu habe ich aber nicht!
Fehlende Blüten - aber das ist weniger das Problem der Zuchtform sondern eher eine Frage der Artenwahl durch den Gärtner - und gefüllte Blüten beeinträchtigen blütenbesuchende Insekten und Fruchtfresser.
Mehr Fragen als Antworten
Gruß
Stefan
die Möglichkeiten sind ziemlich vielfältig!
Um ein paar Varianten zu nennen, die mir auf Anhieb einfallen:
1. Gerade bei Gehölzen gibt es viele Formen / Sorten, die nur durch Auslese und einfache Weitervermehrung entstanden sind. Dazu gehören z.B. alle Blattform- und -farb-Variationen ('laciniata', 'purpurea', ...). Dort sollte für das Ökosystem eigentlich kein Unterschied bestehen (Insekten, Vögel, Pilze, ...)
2. Es gibt eine Reihe von "Wuchsanomalien", die auch nur durch Selektion und Weitervermehrung verbreitet werden. Dazu gehören z.B. Trauerformen, Säulenformen oder Zwergformen, die meist auf Hexenbesen zurückgehen und auch manche Kugelform. Die werden gärtnerisch teils künstlich in der gewünschten Form gehalten, so dass sie möglicherweise nie blühen und deshalb auch nie Früchte tragen. Die veränderte Wuchsform mag in der Pflanze auf abweichende physiologische Prozesse zurückgehen (Wachstumshormone, ...) so dass absolute Spezialisten z.B. eine Pflanze nicht mehr fressen oder besonders stark befallen.
Bei zweihäusigen Arten kann es sein, dass es eine Wuchsform nur mit männlichen oder nur mit weiblichen Blüten gibt mit Konsequenzen für Insekten, Vögel, ....
3. Es gibt die Kreuzung mehrerer Arten, so dass sich in den Nachkommen die Merkmale der Elternarten mischen. Da kann dann ein ökologischer Partner mit zurechtkommen oder auch wegen bestimmter Eigenschaften Probleme bekommen. Oder die Ähnlichkeit zu einem Elternteil ist so groß, dass es für andere Organismen gleichgültig ist.
4. Gefüllte Blüten können meist als Folge von Selektion + Kreuzung entstehen - die sind oft für Blütenbesucher und Fruchtfresser bedeutungslos.
5. Die Einfuhr mancher fremder Arten mit ihren Schadorganismen ist womöglich das größere Problem (Buchsbaumzünsler, diverse Pilzkrankheiten, ...) als die Veränderung durch Zucht.
Es gibt bestimmt noch mehr Aspekte!
Etwas verallgemeinernd kann man m.E. sagen: absolute Spezialisten, die wegen bestimmter Eigenschaften auf eine einzelne Art angewiesen sind, können bei jeder Veränderung in Schwierigkeiten kommen. Generalisten werden selten Probleme bekommen. Konkrete Kenntnisse dazu habe ich aber nicht!
Fehlende Blüten - aber das ist weniger das Problem der Zuchtform sondern eher eine Frage der Artenwahl durch den Gärtner - und gefüllte Blüten beeinträchtigen blütenbesuchende Insekten und Fruchtfresser.
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Gruß
Stefan
Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten
(Rabindranath Tagore)
https://baum-des-tages.blogspot.de/
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Bernhard_B
- Beiträge: 7
- Registriert: 26 Feb 2014, 15:49
Re: Wie "nahe" sind diverse Zuchtformen von Bäumen an den Wildformen?
Vielen Dank für die Antworten.
Ich habe bereits Erfahrung mit "gefüllten Blüten". Aus der Not heraus habe ich in einer Gärtnerei Viburnum opulus "roseum" gekauft (Ich bin mit ausgeborgtem Lieferwagen hingefahren und wollte nicht leer nach Hause fahren, Wildsträucher gab es fast keine). Ich kannte die Sorte nicht und dachte mir das wird der Wildform schon nahe sein. Tja...jetzt hab ich einen äußerst kitschigen Schneeball im Garten mit sterilen Blüten
Ich habe mir dann online noch den Wildstrauch bestellt. Auch wenn die Stichprobe nicht aussagekräftig ist, der "roseum" Schneeball ist voller Blattläuse (in den Blüten) während der Wildstrauch weitgehend Blattlaus frei ist. Das kann aber auch Zufall sein.
lg
Bernhard
Ich habe bereits Erfahrung mit "gefüllten Blüten". Aus der Not heraus habe ich in einer Gärtnerei Viburnum opulus "roseum" gekauft (Ich bin mit ausgeborgtem Lieferwagen hingefahren und wollte nicht leer nach Hause fahren, Wildsträucher gab es fast keine). Ich kannte die Sorte nicht und dachte mir das wird der Wildform schon nahe sein. Tja...jetzt hab ich einen äußerst kitschigen Schneeball im Garten mit sterilen Blüten
Ich habe mir dann online noch den Wildstrauch bestellt. Auch wenn die Stichprobe nicht aussagekräftig ist, der "roseum" Schneeball ist voller Blattläuse (in den Blüten) während der Wildstrauch weitgehend Blattlaus frei ist. Das kann aber auch Zufall sein.
lg
Bernhard
Re: Wie "nahe" sind diverse Zuchtformen von Bäumen an den Wildformen?
Oder die Meisen haben einfach noch nicht bemerkt, dass es da drin etwas zu naschen gibt?Bernhard_B hat geschrieben: ↑26 Apr 2020, 18:57Auch wenn die Stichprobe nicht aussagekräftig ist, der "roseum" Schneeball ist voller Blattläuse (in den Blüten) während der Wildstrauch weitgehend Blattlaus frei ist. Das kann aber auch Zufall sein.
Proteinreiche Grüße!
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Chelterrar
- Beiträge: 339
- Registriert: 01 Aug 2017, 00:00
- Wohnort: WHV 8a
Re: Wie "nahe" sind diverse Zuchtformen von Bäumen an den Wildformen?
Was hierzu vielleicht passen könnte: weiß jemand, warum die Blüten der Hortensien (Hydrangea macrophylla) für die Insektenwelt so unglaublich uninteressant sind und warum sie kaum Samen produzieren?
Sind die käuflichen Sorten "kaputtgezüchtet" oder gibt es schlicht hier nicht die richtigen Bestäuber?
Und warum genau produziert die Forsythia × intermedia weder Nektar, noch Pollen für die Insekten?
Aber ich verstehe auch überhaupt nicht, woher dieser völlig sinnlose Drang der Gärtner kommt, alles zu verkreuzen und zu hybridisieren, wobei die Wildarten teilweise sogar besser ausschauen und wesentlich umweltfreundlicher sind. Ich finde es ein Unding, dass sich dann auch nur noch diese künstlichen Formen im Markt durchsetzen und die eigentlichen nützlichen Wildformen gar nicht erst angeboten werden und schlicht nie in Erscheinung treten. Aber Dieser Gedankengang führt glaube ich zu weit und ich denke sowieso dass bald die Zeit kommen könnte, in der auch die Öffentlichkeit gefüllte Blüten deutlich kritischer beäugen wird und sich mehr Gedanken zum Thema Insektensterben machen wird, da dieses Thema eben nicht nur die Landwirtschaft betrifft, sondern im großen Maße quasi jede Fläche, da selbst die Dächer von Häusern Insekten einen Lebensraum spendieren könnten.
LG Chelterrar
Sind die käuflichen Sorten "kaputtgezüchtet" oder gibt es schlicht hier nicht die richtigen Bestäuber?
Und warum genau produziert die Forsythia × intermedia weder Nektar, noch Pollen für die Insekten?
Aber ich verstehe auch überhaupt nicht, woher dieser völlig sinnlose Drang der Gärtner kommt, alles zu verkreuzen und zu hybridisieren, wobei die Wildarten teilweise sogar besser ausschauen und wesentlich umweltfreundlicher sind. Ich finde es ein Unding, dass sich dann auch nur noch diese künstlichen Formen im Markt durchsetzen und die eigentlichen nützlichen Wildformen gar nicht erst angeboten werden und schlicht nie in Erscheinung treten. Aber Dieser Gedankengang führt glaube ich zu weit und ich denke sowieso dass bald die Zeit kommen könnte, in der auch die Öffentlichkeit gefüllte Blüten deutlich kritischer beäugen wird und sich mehr Gedanken zum Thema Insektensterben machen wird, da dieses Thema eben nicht nur die Landwirtschaft betrifft, sondern im großen Maße quasi jede Fläche, da selbst die Dächer von Häusern Insekten einen Lebensraum spendieren könnten.
LG Chelterrar