Wann einheimisch?

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Chelterrar
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Wann einheimisch?

Beitrag von Chelterrar »

Moin,

Nachdem es nun ein paar Unstimmigkeiten gab, frage ich mich, ab wann ein Gehölz nun einheimisch ist und wann eben nicht.

Mich würde einfach eine Erklärung interessieren, wann man in den Steckbriefen einheimisch ließt und was das im Endeffekt bedeutet.

So wird die Baum Hasel als einheimisch beschrieben, was aufgrund der Häufigkeit auch Sinn macht, jedoch ist sie ein Neopyht und kein natürlicher Bestandteil der Wälder Mitteleuropas.

Auch der Kirschlorbeer ist nach dem Steckbrief einheimisch, breitet sich dieser Neophyt doch auch enorm aus, sei es als Heckenpflanze oder gar natürlich durch Vögel.

Doch genauso stark ist eigentlich auch die Robinie verbreitet, welche durch Wurzelausläufer sogar ganze Wälder bilden kann und an einigen Orten sogar schon bekämpft wird, da sie die Magerrasen düngt und aufwertet.

Trotz alledem steht bei dieser als Herkunft "Nordamerika", obwohl sie sogar als eines der häufigsten Bäume Deutschlands gelistet wird.

Also, wie funktioniert diese Kategorisierung?

LG Chelterrar

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stefan
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Re: Wann einheimisch?

Beitrag von stefan »

Hallo Chelterrar,

auf die Frage, was "einheimisch" ist, gibt es mehrere Antworten.

Von vielen Fachleuten wird das Jahr 1500 ansgesetzt, was vor 1500 bei uns wuchs, ist einheimisch, was danach kam, ist fremdländisch.
Die Eßkastanie ist also einheimisch, stammt eher aus Südeuropa, aber die Römer haben sie nach Deutschland mitgebracht.
Wenn ich die letzten 10.000 bis 12.000 Jahre betrachte, ist bei uns alles eingewandert!

Mit dieser Thematik beschäftigt sich ein sehr ausführlicher Text: https://www.espazium.ch/einheimische-pflanzen

Hier in der Baumliste haben wir - rein technisch - begrenzte Möglichkeiten; es kann eine Angabe gemacht werden (im beschreibenden Text kann man es weiter erläutern), die aus einer Auswahlliste stammt:
herkunft.jpg
herkunft.jpg (37.77 KiB) 696 mal betrachtet
Bei "meinen" Beschreibungen stütze ich mich in der Regel auf die Angabe bei Roloff/Bärtels und versuche einen passenden Begriff aus der Liste zu verwenden.
Bei Beschreibungen, die von anderen Autoren stammen, kann es im Einzelfall anders gehandhabt sein: z.B. eine Art als einheimisch zu bezeichnen, wenn sie bei uns heute in der Natur oder auch in Gärten weit verbreitet ist! (ich kann nicht beurteilen, inwieweit das der Fall ist!)

Prunus laurocerasus ist z.B. ein komplizierter Fall: laut wikipedia (andere Quelle habe ich gerade nicht zur Hand) ist die Heimat Kleinasien: ist das für den Beschreiber noch heimisch oder Südeuropa oder Asien ?

(Und außerdem gibt es natürlich auch Fehler - wo gibt es die nicht?)

Ich könnte mir auch differenziertere Beschreibungsmöglichkeiten vorstellen (Trennung von Herkunft einerseits und andererseits Verbreitung in Deutschland oder Mitteleuropa), das würde allerdings erhebliche Arbeiten der Programmierung und Datennachbearbeitung erfordern, deshalb ist so etwas nicht einfach umzusetzen.


Gruß
Stefan
Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten
(Rabindranath Tagore)


https://baum-des-tages.blogspot.de/

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LCV
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Re: Wann einheimisch?

Beitrag von LCV »

Man könnte auch unterscheiden, was vor der Eiszeit hier war und danach wieder Fuß gefasst hat und
was durch den Menschen hergebracht wurde und dies wieder aufteilen in exotisch (also nur in Gärten,
Parks, bot. Gärten, Sammlungen) und eingebürgert (also seit 100 und mehr Jahren verbreitet und etabliert).
Da wird es aber nie eine scharfe Trennung geben.

Bezüglich der Tierwelt kapitulieren die Verantwortlichen oft vor den Tatsachen. Der Waschbär ist nun mal ein
Vertreter Nordamerikas, wurde aber hier in Pelztierfarmen gehalten. Gegen Ende des 2. Weltkriegs wurden
viele Tiere einfach freigelassen und mangels natürlicher Feinde hat sich der Waschbär sehr stark vermehrt.
Während der Waschbär bislang nicht den Jagdschonzeiten unterlag, wurde er vor zwei oder drei Jahren mit
wirklich einheimischen Tieren gleichgestellt.

Ich denke, man kann sich eigentlich von den ganzen Einstufungen nach einheimisch, eingebürgert, "fremd"
verabschieden. Der Nutzen einer solchen Unterscheidung erschließt sich mir nicht. Inzwischen wandern ständig
fremde Arten ein, manche etablieren sich, andere können nicht dauerhaft überleben. Also ist doch viel interessanter,
aus welchen Regionen etwas ursprünglich kommt. Außerdem ob es hier andere Arten bedroht und ob man eingreifen
sollte, was auch oft Theorie ist (s. asiatische Marienkäfer oder Krebse aus dem Gelben Meer, die inzwischen in
Alpenseen ihr Unwesen treiben).

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bee
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Re: Wann einheimisch?

Beitrag von bee »

Hallo,
sicherlich kann es unterschiedliche Auffassungen geben, welche Bezeichnungen sinnvoll sind.
Aber einen ganz großen Anteil der Beurteilung sollte vielleicht sein, ob die Art wild vorkommt (ob nun ursprünglich einheimisch oder zu einem sehr frühen Zeitpunkt eingeführt und dann eingebürgert): das würde ich dann als einheimisch bezeichnen (und zwar auf Deutschland bezogen, nicht auf weit entfernte europäische Länder.)
Wenn eine Pflanze aus einem anderen Gebiet stammt und nur als Kulturpflanze verwendet wird, ohne Tendenz sich selbst zu vermehren und ohne sich fest an einigen Standorten zu etablieren, das mag ich dann nicht als einheimisch bezeichnen.

Ich orientiere mich dabei u.a. auch an FloraWeb.de.
Da habe ich gerade zur Baumhasel gelesen: "unbeständiger Neophyt" (in einigen wenigen Gebieten gibt es (wilde) Vorkommen, doch nicht fest etabliert)
http://www.floraweb.de/pflanzenarten/ar ... uchnr=1678&
http://www.floraweb.de/webkarten/karte.html?taxnr=1677 (Karte)

Diese Status-Bezeichnungen werden dort unterschieden (aus http://www.floraweb.de/glossar.html#bsta)
I = indigene Art; seit jeher bei uns heimisch
A = Archaeophyt; bei uns vor 1492 alteingebürgerte Art
A? = Archaeophyt; ev. doch indigen
E = Neophyt; bei uns nach 1492 neueingebürgerte Art
E? = Neophyt, ev. doch Archaeophyt
E(lok.) = nur lokal eingebürgerter Neophyt
U = unbeständige Art; bei uns nicht fest eingebürgert
XU = unbeständige Hybridsippe
U-E = in Einbürgerung befindlich
K = bei uns nur angebaute bzw. angepflanzte Art (= Kulturpflanze)
Zu Prunus laurocerasus auch bei FloraWeb: unbeständiger Neophyt
Habt ihr schon mal Lorbeerkirschen wild wachsend gesehen?
Für mich ist die Lorbeerkirsche nicht einheimisch, nur weil sie gefühlt in jedem Garten steht.
Viele Grüße von bee

Spinnich
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Re: Wann einheimisch?

Beitrag von Spinnich »

Hallo bee

da stimme ich Dir voll zu, das ist mal eine nachvollziehbare Grenzziehung!

LG Spinnich :roll:
Das Talent der Menschen, sich einen Lebensraum zu schaffen, wird nur durch ihr Talent übertroffen, ihn zu zerstören.
- Georg Christoph Lichtenberg -

Chelterrar
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Re: Wann einheimisch?

Beitrag von Chelterrar »

Moin bee,
Kommt darauf an, was unter "wild wachsend" zu verstehen ist. In einem verwilderten Garten habe ich schon mal ein paar kleine Setzlinge wild wachsend gesehen, diese überlebten auch den Winter. Ich denke schon, dass der Kirschlorbeer das Potenzial hat, sich selbstständig zu vermehren und zu verbreiten, wenn man ihn lässt. Dies sieht man ja auch z.B. in der Schweiz, wo er schon als recht invasiv eingestuft wird.

LG Chelterrar

Baumbart87
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Re: Wann einheimisch?

Beitrag von Baumbart87 »

Zu Prunus laurocerasus auch bei FloraWeb: unbeständiger Neophyt
Habt ihr schon mal Lorbeerkirschen wild wachsend gesehen?
Für mich ist die Lorbeerkirsche nicht einheimisch, nur weil sie gefühlt in jedem Garten steht.
Ja! Kommt nur auf die Gegend an, die gerne im Jahresmittel etwas milder sein sollte. Ansonsten sät sich die Art durchaus schon stark selbst aus, nur sind die Keimlinge und dann Sämlinge während der ersten zwei/ drei Jahre nicht besonders konkurrenzsstark. Zudem sind sie auf Vogelausbreitung angewiesen, und leider fallen sie so nur selten auf optimale Plätze. Meistens kommen die Keimlinge im dunklen Unterholz auf, wo sie spätestens im zweiten Jahr auch schon wieder ausgeschattet sind und eingehen.
Nimmt man die Sämlinge hingegen in Kultur, dann wachsen die völlig problemlos und schnell auf, so dass man sich eigentlich gar keine Heckenpflanzen kaufen, sondern nur gefundene Sämlinge drei/ vier Jahre hochkultivieren müsste. Vor allem sehen die Sämlinge auch noch interessant vielfältig aus, was die Sache im Vergleich zum gekauften Klonmaterial nochmal reizvoller macht.

Was die Frage "heimisch/ nicht heimisch" angeht: Gab es da nicht in grauen Vorzeiten mal einen Richtwert, nachdem etwas als heimisch bzw. eingebürgert zu bezeichnen war, nachdem es sich ein paar Generationen erfolgreich fortpflanzen konnte, und seine Population nicht nur ausbauen, sondern auch aus eigener Kraft erhalten konnte?

Ich glaube, nach diesem Kriterium wäre bereits sehr vieles einheimisch, wie etwa Douglasien oder stellenweise Pinus strobus, nicht aber zB Tulpenbäume oder Juglans nigra.
Durch das sich erwärmende Klima stehen uns da aber sicher noch spannende Zeiten bevor, denn erst letzte Woche habe ich einen für mich absoluten Erstfund gemacht- einen Weigeliensämling im Topf eines Gartencenter- Apfelbäumchens, jeder Zweifel ausgeschlossen :shock: .

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