Definiere Baum

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Hessekopp
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Definiere Baum

Beitrag von Hessekopp »

Hallöchen,

ja, das Thema sagt alles und nichts.
Die einfachste gefundene Definition ist: Ein Baum besteht aus Wurzel, Stamm und Krone. Diese Definition ist unbefriedigend, denn dann wären auch Palmen Bäume und wenn man sich dann seitenlange wissenschaftliche Definitionen zu "Baum" ansieht, fliegen Palmen wegen fehlendem sekundären Dickenwachstum raus.
Natürlich könnte man diese seitenlangen Baumdefinitionen nehmen, aber wenn ihr spontan entscheiden müßtet ob das Teil da vor euch Baum oder Strauch ist, was sind da eure Entscheidungskriterien? Hilfskrücken wie "Was dazwischen" oder ähnliches will ich bewußt nicht zulassen ... eher Baum oder eher Strauch wäre das mindeste, was ich verlange, es sollte also eine klare Trennlinie erkennbar sein.
Was ist eher Baum und was ist eher Strauch? Die holzigen Vertreter ohne sekundäres Dickenwachstum schmeißen wir vorher mal raus, auch wenn man naiv intuitiv im allgemeinen Sprachgebrauch Palmen durchaus zu den Bäumen stellen würde und ich auch Kunden schon vom Bambusstrauch habe reden hören, wir setzen sekundäres Dickenwachstum also voraus.

Warum stellt sich mir die Frage nach einer solchen Definition?
Ich bin Landschaftsgärtner und habe Azubis zu betreuen und die fragen mich nunmal nach dem Unterschied zwischen Baum und Strauch. Als ich noch deutlich unerfahrener war, habe ich diese Frage nach optischen Kriterien beantwortet, das wurde aber schnell unbefriedigend. Wurzel, Stamm und Krone plus sekundäres Dickenwachstum ... wenn ich also eine "strauchige" Lorbeerkirsche auf einen "Leittrieb" reduziere und auf 1,8m aufsate, wird der Strauch zum Baum? Eine Glanzmispel kann ich in der Baumschule sowohl als Baum als auch als Strauch kaufen? Kann ich ein Quadrat auch als Kreis kaufen? :lol: Diese Hilfskrücke "Zwischending" hilft auch nicht, denn dann bräuchte es eine Definition für "Zwischending" also eine klare Einteilung in Baum, Strauch und Zwischending ... klappt auch nicht. Was wird aus dem zweistämmigen (nicht zusammengepflanzten) Spitzahorn, nen Strauch? Das wäre doch ne Lachnummer.

Ich bin wie bereits erwähnt Landschaftsgärtner und irgendwann zu dem Schluß gekommen, daß der Unterschied für mich persönlich bis auf einen Aspekt völlig unbedeutend ist ... es gibt Sträucher, die man nicht wie Bäume schneiden sollte, nämlich solche, die sich ohne Verletzung nur zögerlich und unbedeutend bis garnicht nennenswert oberhalb des Punktes, an dem sie aus der Erde kommen, verzweigen.

Ich bin dazu übergegangen, Bäume und Sträucher GENAU SO zu trennen ... kommt in langen und weitestgehend unverzweigten Trieben oder mit nur "unterentwickelten" Seitentrieben von unten (Basitonie bis Gesamt-Basitonie) = Strauch ... der Rest wäre dann Baum.

Das führt aber zu lustigen Diskussionen mit Azubis. Die Bauern-Hortensie schneide ich als Strauch, also nur die Blüte raus, die eh abgestoßen werden würde, oder halt ganze Triebe unten ab, die Rispen-Hortensie hingegen wird wie die Rose zum BAUM :shock: mit all den Schnittregeln. Das klingt erstmal komisch, aber wenn ich einem Azubi den Rosenschnitt erkläre, kommt als erstes, daß man Rosen wie Eichen pflegt und dann mein persönliches Gärtnermantra: "Jedem Bäumchen sein Räumchen, jedem Ästchen sein Plätzchen" ... ich schneide Rosen tatsächlich wie Eichen, Ableitung vor "Ableidung" (Mißachtung der 1/3-Regel) vor Knospenableitung ... Rauspflegen von "Quertreibern", Rauspflegen von"Pumilisierung" (zu dichtes Wachstum), an "Kappungen" isolieren von Ständern, Kappungen ("Ableidung" und Knospenableitung) nur an Jahrestrieben und so weiter.

Ich als Gärtner kann sehr gut mit dieser für mich funktionalen Trennung leben und sehe meist auf den ersten Blick, ob das Moped vor mir nach meiner Definition ein Baum oder Strauch ist, auch ohne auch nur einen Anflug von Ahnung zu haben, was ich da überhaupt für ein Gehölz vor mir habe (Grauzonen gibt es dennoch, aber deutlich weniger) ... aber ne Rose oder ne Rispen-Hortensie als Baum zu bezeichnen ... da rollen sich hier sicher dem ein oder anderen die Fußnägel hoch.

Gerade hat weiter oben jemand im heimischen Laub seine (meineserachtens) Kornelkirsche vorgestellt, nach meiner Definition klar ein Baum. Ich habe dort nicht geantwortet, Laub ist nicht mein Spezialgebiet und das können andere hier so unglaublich viel besser als ich, aber es stellte sich mir wiedermal die Frage, was ist das Ding denn nun für den Rest der Welt, Baum oder Strauch? Wir befinden uns hier nunmal auf baumkunde.de ... gehölzkunde.de wäre sicher ein sinnigerer Name, denn hier werden Anfragen und Diskussionen zu Sträuchern wie selbstverständlich völlig gleichrangig behandelt, die Differenzierung ist ja nunmal auch so was halbgares, unausgegorenes ... son Wischi-Waschi.

Daher interessiert es mich, wo ihr die Trennlinie zieht, also nicht wissenschaftlich sondern intuitiv.
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biloba
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Beitrag von biloba »

Das ist ein sehr interessantes Thema. Dazu kann ich auf jeden Fall beitragen, dass hier in der Straße einige Winterlinden-Sträucher wachsen - prächtige Exemplare!

Ansonsten handelt es sich um eine sehr theoretische Frage, ebenso theoretisch wie die Unterscheidung zwischen Obst und Gemüse. In welche Kategorie gehören eigentlich Ginkgo-Kerne?


Kapitulierende Grüße!

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bee
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Beitrag von bee »

Hallo,
ich bin da auch nicht so zum "Haarespalten" aufgelegt. :? :wink: also rein intuitiv:

für mich ist - primär - das verholzende Gewächs ein Baum, wo es eine einzige dominante mehr oder weniger gerade Sprossachse (mit sekundärem Dickenwachstum) gibt - und das auch die normale Wuchsform der Art in der Natur an den normalen Standorten (nicht Extremstandorten) ist, ohne menschlichen Eingriff und ohne die kleinen oder großen Katastrophen, die das Baumindividuum dazu veranlassen könnten, anders zu wachsen.

Sträucher sind - für mich - demnach die verholzenden Pflanzen, die in der Natur ohne menschlichen Eingriff mehrere plus-minus gleich gewichtige Triebe habe und auch viel kleineres "Astgewirr" dazwischen.

Wenn jetzt eine Gehölzart auch in der Natur - je nach Wuchsbedingungen - mal so mal so kann, dann sage ich einfach nur: Art xy wächst hier baumförmig und da strauchförmig.

Wenn eine Art, die oft einen einzigen dominanten Stamm hat, auch mal mehrstämmig wächst (mit dominantem Stamm oder auch nicht), und dabei auch noch ziemlich groß und hoch wird (ausgewachsen über 10 m) und es auch nicht viel Astgewirr dazwischen gibt, dann ist das für mich ein "mehrstämmiger Baum".

Wenn eine Art, die bei uns sehr hoch wird und zumindest im Wald meist einen einzigen Stamm hat, wie z.B. Fagus sylvatica, in einem für sie ungünstigen Klima (z.B. in Mittelspanien, hoch gelegen, da ist eine Verbreitungsgrenze ) so eine Art Krüppel-Knüppel-Wald bildet mit 3-5 m hohen ganz unten verzweigten Gewächsen mit mehreren dünnen Stämmchen, dann heißt das bei mir: Art xy wächst da "strauchförmig".

Wenn eine Art, wie zum Beispiel die Pimpernuss, auch mal ein einstämmiger Baum werden können soll (habe ich noch nicht gesehen), dann sage ich: Art xy wächst da "baumförmig".

Wenn irgendein in der Natur als Strauch vorkommendes Ziergewächs durch menschlichen Eingriff auf Baumform "getrimmt" werden kann und das auch gut verträgt, dann sage ich auch einfach nur: Art xy als "Bäumchen" gezogen, "baumartig" gestaltet usw.

Wenn irgendein in der Natur als Baum vorkommendes Gehölz wie z.B. Buche oder Hainbuche auch als Hecke gepflanzt wird und durch den ständigen Beschnitt sehr verzweigt ist und bis unten hin beblättert und keinen Hauptstamm hat, dann nenne ich die Heckenpflanzen nicht Baum, sondern sage einfach nur: Art xy ist "strauchartig" gestaltet ... oder so. :)
Viele Grüße von bee

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