Heute wende ich mich mal mit einem Thema an Euch, zu dem ich gerne Eure Meinung hören würde, und zwar ist die Grundessenz des ganzen:
Pro Baum um jeden Preis? Hat das Sinn und lohnt sich das/ hat das Aussicht auf Erfolg?
Ich arbeite nun seit Anfang September in einer ganz kleinen Gartenbaufirma (incl. mir drei Mann) direkt hier im Ort (super glückliche Fügung soweit).
Wir fahren im weiteren Umkreis um unseren Ort zu verschiedenen Aufträgen von zumeist Privatleuten, aber auch Gemeinden.
Zu allermeist handelt es sich bei den Arbeiten um Schnittarbeiten, und gerade da habe ich Sachverhalte angetroffen, und treffe ich Sachverhalte an, die mich wirklich nachdenklich machen, und in obiger Frage gipfeln.
1. Es ist wirklich erschreckend, wie gärtnerisch ambitionslos ca. 90 % der Leute sind. Sie haben teils die verschiedensten Sachen gepflanzt, und ohne völlige Rücksicht auf Wuchseigenschaften, Blüten-/ Frucht- oder sonstigen eigentlichen Zierwert des Gehölzes gilt in der Regel eines: Hausmeisterschnitt.
Einfach rund oder ein Ei draus schneiden, fertig!
Egal, ob Baum oder Strauch, wenn zu groß geworden rund schneiden, aus die Maus...
2. Nicht wenige Leute haben entweder schön gewachsene und mitunter alte Solitäre schöner Gehölze im Garten, oder aber junge Gehölze, welche bereits über gute Ausgangsposition zu schönen späteren Solitärs verfügen.
Und dennoch herrscht beinahe ausnahmslos die Maxime:
Was zu groß wird, muss entweder weg oder wird wie gehabt zum Ei geschnitten...
Ich finde dabei vor allem diese Gedankenlosigkeit so erschreckend...
Da hat eine ältere Frau eine Tsuga canadensis im Garten, die seit 50 Jahren da steht und ein wunderschöner ausladender und großer Solitär ist. Und weil so wenig Licht in die Küche kommt, wird völlig leidenschaftslos verlangt, dass mindestens der halbe Baum ab soll, besser aber der ganze, wegen der Nadeln und Zapfen jedes Jahr...
Oder ein anderer Fall, wo Leute eine wunderschöne, kerngesunde und absolut voll gewachsene Blutpflaume im Hintergarten hatten. Die war ihnen zu groß geworden, also sollte sie auf die Hälfte abgesetzt werden, tja, verlangt, getan, und nun ist der einstmals so selten schöne Baum nur noch so eine arme versaute Krücke, wie so viele andere Blutpflaumen auch. Nächstes Jahr wird sie wie die Wilde Langtriebe in der Krone bilden, und der Baum ist dahin auf alle Zeiten, nur noch pflegeintensiv einigermaßen ansehnlich zu halten, und das Ende vom Lied wird wieder sein: Weg damit...
Oder aber die Leute pflanzen völlig willkürlich alles mögliche kreuz und quer, wundern sich nach ein paar Jahren, dass ja alles "so grooooß geworden" ist, und schneiden es, um den Platz zu wahren, alles rund und zu Eiern, und auch hier das Ende vom Lied, die Sachen müssen dann rausgerisse werden, weil's einfach nur noch Sch... aussieht...
Keinerlei Ansätze von standortgerechter Gehölzverwendung, bzw. dem Ansatz einer dem Standort entsprechenden Sortenauswahl...
Es gibt nicht erst seit heute von vielen vielen Gehölzen Zwergformen oder kleinere, ähnliche Arten, aber dennoch wird das größte gepflanzt, bei Nichtpassen die Pflanze per Schnitt vergewaltigt, und sich dann allen Ernstes gewundert, dass ja die Hortensien/ Weigelien, Forsythien schon seit Jahren nur noch ganz ganz schlecht blühen, die müssten also raus und mal neue rein...
Das geilste Beispiel von gärtnerischer Ignoranz war neulich ein Spitzahorn (!), der allen Ernstes zu einem knapp 3 m hohen, schmalen Zuckerhut geschnitten worden war...
Ehrlich, es wird erst gepflanzt, gedacht irgendwann eventuell Jahre später, und das Ende vom Lied ist eigentlich immer, dass die Gehölze dann durch Schnitt erst richtig vergewaltigt werden, oder aber nach Jahrzehnten "raus damit" sollen...
100 m² penibel gemähter Rasen und mittendrin ein Kugelahorn (der ohnehin schon nicht groß wird), und dennoch wird der jedes Jahr zur perfekten Kugel geschnitten, damit nicht soviel Laub fällt und nicht alles so zuwuchert...
Liebe Mit- Foristi, Ihr könnt mir glauben, dass mir mehr als oft ein ganz dicker Klops ob solcher gärtnerischen Ignoranz, Ambitionslosigkeit und beinahe Doofheit im Halse steckt...
Sicher können sich ältere Leute nicht mehr so kümmern, da kann man es ja verstehen, wenn alles pflegeleicht sein soll. Aber junge oder mittelalte Leute, die mitten im Leben stehen? Haben seit zig Jahren einen Riiiesengarten, pflanzen nett aussehende Sachen, aber wenn die dann oh Wunder zu groß werden: Ganz emotionslos wird da die absolute Verstümmelung angeordnet, oder kurz und knapp "Raus damit", und statt der bepflanzten Flächen Folie und Kies drauf, und fertig ist der Lack...
Es wäre doch so einfach, mittels bedachter Sortenwahl auf lange Zeit hinaus schöne und dennoch pflegeextensive Bepflanzungen zu schaffen, aber das wird nie getan, irgendwie...
Und darum frage ich wirklich: Lohnt sich diese relativ radikale Einstellung "Pro Baum", die hier im Forum ja auch große Maxime ist, überhaupt, oder, ganz ehrlich, machen wir uns da nicht selber was vor? Mache ich mir da nicht selber was vor?
Was haben wir Handvoll Leute von unserer Einstellung, wenn den restlichen 95 % der Bevölkerung Bäume/ Gehölze und deren fachgerechte und damit langfristig ersprießliche Pflege und Verwendung mal eben nachgerade am Arsch vorbeigeht?
Es soll immer alles einfach, schnell und billig sein, also wird das Standardsortiment gepflanzt. Die reichlich vertretenen Sorten existieren zwar, sind aber meistens viel teurer als die simplen Arten, also bleiben die Sorten außen vor, Hauptsache billig...
Dass aber durch die Pflege und am Ende komplette Neuanlage die Kosten um vielfaches höher sind, als hätte man gleich eine vernünftige, wenn auch teurere Sortenauswahl getroffen, das sieht keiner...
Ganz ehrlich:
Lohnt sich "Pro Baum", oder ist das einfach nur eine Spinnerei von ein paar Ewig- Verblendeten, mich eingeschlossen?
Ich für meinen Teil werde es mir wohl oder übel abgewöhnen müssen, zu denken und mich immer wieder zu ärgern und mir angewöhnen müssen, einfach nur zu machen und fertig...
Die Leute wollen es nicht anders, scheint es, und obwohl das weh tut, was bleibt einem anderes übrig?
Wenn ich schon die Klageseufzer höre, dass die Weigelien ja schon seit Jahren nicht mehr blühen (sie aber auch seit ebensovielen Jahren immer fein zur Kugel geschnitten werden im Herbst, weil ja so gleichmäßig und platzsparend), und da sicher mal neue reinmüssen, da will ich einfach nur brüllen und meinen Kopf gegen den LKW hauen, bis ich lache.
Soviel Ignoranz und Unwissenheit kann doch nicht sein bei einem langjährigen Gartenbesitzer, oder?
Wie seht Ihr das, speziell die aus der gärtnerisch- pflegenden Berufssparte?
Soll ich weiterhin als einzige weiße Krähe inmitten tausender schwarzer die "Pro Baum"- Flagge gehisst halten, oder soll ich geistig resignieren, und wirklich einfach nur noch stumpf reagieren und den Leuten eben geben, was sie wollen?
Letzteres wäre für mich und meinen Job sicherlich wesentlich gesünder. Aber ist Beratung und langfristige Zufriedenstellung des Kunden nicht auch meine Pflicht?
Sicher, so kann man nicht jedes Jahr beim selben Kunden sein sicheres Geld verdienen, aber da als gelernter Landschaftsgärtner so eine leidenschaftslose Karütze abzuliefern, die jeder Schimpanse ebenfalls so hinbekäme, das verstösst wirklich gegen meine innere Überzeugung!
Ich habe gelernt, Gehölze langfristig pflegeextensiv und standortgerecht "anzuwenden", und bin von daher wirklich in einem inneren Widerstreit der allerfeinsten Güte.
Könnt Ihr mir da irgendwie hilfreiche Antworten liefern, was ich tun soll? Resignieren und schlucken, oder weiterhin die Illusion (so kommt es mir ehrlich langsam vor) "Pro Baum" hochhalten
Danke für Eure Zeit, das Lesen und eventuelle Tipps!
Andreas