Platanenallee in Tübingen, Register-Nr.: 3605

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menkontre
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Platanenallee in Tübingen, Register-Nr.: 3605

Beitrag von menkontre »

Tübingen hatte 4 historische Alleen, die alte Lindenallee von 1508 und 3 Alleen vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Leider wurden die Kastanienallee und die Akazienallee, die sicher aus Robinien bestand, verschiedenen Bauprojekten geopfert. Erhalten sind nur ein Teil der Lindenallee und die Platanenallee (Platanus x hispanica), die mittlerweile nicht nur botanisch interessant ist, sondern auch zum Kulturerbe der Stadt gehört.
Lange wurde erzählt, dass der letzte Scharfrichter der Stadt diese Allee angelegt hat, was aber wegen seines Todes vor der Pflanzung nicht stimmen kann. Nach Auszählung der Jahresringe lag die Keimung der Bäume zwischen 1822 und 1824. Fleißige Forscher haben eine Rechnung der exotischen Landesbaumschule in Hohenheim über 96 Platanen von 1828 gefunden. Tüpedia meint, dass es somit die älteste Platanenallee Deutschlands sei.
Die Allee ist tatsächlich besonders sehenswert. Sie steht auf einer angelegten, nicht befahrenen Neckarinsel unterhalb der historischen Altstadt, mit schöner Aussicht auf berühmte Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel den Hölderlinturm. Sie wurde besonders für Studenten zur Erholungsfläche, die dort überall im Gras und auf den Bänken sitzen. Zu beiden Seiten fließt der Neckar vorbei, auf dem Stocherkähne fahren.
Es wurde zwischenzeitlich behauptet, dass die „Baumaltersgrenze“ erreicht sei, und dass man die Platanen durch jüngere Bäume ersetzen müsse. Nach Bevölkerungsprotesten hat man sich nun aber zur Pflege und Stabilisierung der Bäume durch Stahlseile entschlossen.
Die Allee beginnt an der Neckarbrücke und reicht bis zum Silcherdenkmal. Ich schätze ganz grob, dass es etwa 500 m sind, die durchgehend relativ eng auf beiden Seiten mit alten Platanen bestanden sind. Die Bäume sind gut erhalten und alle lebendig, und außerdem dürfen sie sich frei nach oben entfalten, ohne ständig zurechtgestutzt zu werden. Was auffällt, ist die Menge der verschiedensten Vögel, die dort unterwegs sind. Hoch in den Platanen sind viele Nistkästen aufgehängt. Bei einer der dicksten Platanen habe ich einen BHU von 4,90 m ermittelt.
Anfang Platanenallee N48° 31.14102 E9° 3.44562
Ende Platanenallee N48° 31.08432 E9° 3.13278
Öffentlich zugänglich. Zuletzt besucht am 17.3.14
Landkreis Tübingen
Ausgezeichnete Quelle mit Beschreibung der Allee und weiteren Links: http://www.tuepedia.de/index.php/Platanenallee
Wer Tübingen aus botanischen Gründen besucht, sollte gleichzeitig die alte Lindenallee, den alten botanischen Garten mit einigen alten Exoten und den neuen botanischen Garten mit Arboretum (Schwerpunkt Pomologie) mitnehmen. Besonders Sportlichen kann ich eine Wanderung über den Spitzberg zu den geschützten Magerwiesen unterhalb der Wurmlinger Kapelle mit vielen Orchideen und anderen seltenen Pflanzen empfehlen.
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menkontre
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Beitrag von menkontre »

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quellfelder
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Beitrag von quellfelder »

Hallo,

Hölderlin und Tübingen bin ich sehr verbunden. Ich war schon einige Male dort, doch geschafft habe ich es bisher nur auf die Hölderlinturm-Seite des Neckar.
Deshalb danke ich Dir ganz besonders für die herrlichen Bilder von der anderen Seite. Ein Grund mehr, mal wieder nach Tübingen zu reisen!

Viele Grüße

quellfelder

Spinnich
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Beitrag von Spinnich »

Hallo
und danke Frau Dr. für die beeindruckenden Ansichten und die Informationen zu all den Sehenswürdigkeiten rund um Tübingen.
Da würde ich sagen, daß ist schon mal eine Reise wert, leider knapp 300 km zu fahren, aber vielleicht ergibt sich ja doch mal ne Gelegenheit.

LG Spinnich
Das Talent der Menschen, sich einen Lebensraum zu schaffen, wird nur durch ihr Talent übertroffen, ihn zu zerstören.
- Georg Christoph Lichtenberg -

quellfelder
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Beitrag von quellfelder »

Hallo,

hier noch einige historische Bilder!

Viele Grüße

quellfelder
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baumlaeufer
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Beitrag von baumlaeufer »

danke für den Beitrag und die Bilder--- auch die historischen... und ein wenig Geduld bis zum Eintrag
der Baumlaeufer
Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt (Khalil Gibran)
www.na-tour-denkmal.de

menkontre
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Beitrag von menkontre »

Hallo Spinnich, Quellfelder und Baumläufer, herzlichen Dank für die positiven Reaktionen zu den beiden Alleen. Besonders das erste historische Foto ist nochmal eine sehr interessante Ergänzung. Gruß, Anke

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baumlaeufer
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Beitrag von baumlaeufer »

Danke Anke und Qullfelder, für diese fotografische und Belegtechnische Highlight im Register

http://www.baumkunde.de/baumregister/36 ... tuebingen/

der Baumlaeufer
Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt (Khalil Gibran)
www.na-tour-denkmal.de

quellfelder
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Re: Platanenallee in Tübingen

Beitrag von quellfelder »

Hallo,

hier noch zum Alter eine Pressemitteilung der Stadt Tübingen:

Über die Tübinger Platanenallee
Über die Tübinger Platanenallee ist schon viel geschrieben worden – zumeist Historisches
und Literarisches. Zuletzt erschienen die Arbeiten von Helmut Hornbogen (Die
Tübinger Platanenallee – Vom wachsenden Ruhm gefährdeter Bäume, Tübingen 2007,
176 S.) sowie Adelheid Schlott (Das Kulturdenkmal Tübinger Platanenallee, Tübingen
2007, 39 Seiten).
Alle Autoren rühmen die beeindruckende Allee am Neckar, die einst unter den Augen des
Dichters Friedrich Hölderlin gepflanzt wurde und zählen sie heute zu den ältesten und
schönsten ihrer Art in Deutschland. Allerdings waren es in letzter Zeit zunehmend auch
wissenschaftliche Gutachter, die sich mit den Bäumen befassten. Ein mehr als tausend
Seiten umfassendes Gutachten (Lothar Wessolly) benannte 2006 die Schäden an den
Alleebäumen, deren Zukunft ungewiss ist.
Viele Autoren versuchten das genaue Alter der Platanen zu ergründen, konnten jedoch
bislang keine sichere Quelle auftreiben. Immerhin wurde seit den 1920er Jahren in den
Tübinger Blättern eine Legende verbreitet: Der letzte Tübinger Scharfrichter, Georg
Friedrich Belthle, habe zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Allee gepflanzt, nachdem die
Stadt sein Amt abgeschafft und ihn zum Gemeindeweginspektor ernannt hatte. Diese
Geschichte hörte sich gut an und sie schien auch plausibel zu sein. Denn Belthle hatte
nachweislich 1819 im Auftrag der Stadt auch die Kastanienallee gepflanzt. Außerdem
erzählte man die nette Story gerne den Touristen, passte sie doch gut zum Frieden und
Bäume liebenden Image der grünen Universitätsstadt. Statt Schwerter zu Pflugscharen
war in diesem dem Fall das Richtschwert zum Spaten geworden. Nicht zuletzt kam in der
Geschichte ja auch die Stadt ganz gut weg, die ihre Leute nicht einfach entlässt, sondern
Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen ergreift.
In den letzten Wochen hat sich allerdings das Blatt in der Geschichte der Allee gewendet.
Auslöser war ein dendrochronologisches Gutachten der Universität Hohenheim. Es
bescheinigte schwarz auf weiß, dass die Platanen jünger sind als bislang angenommen.
Die Wissenschaftler des Botanischen Instituts zählten die Jahresringe an einigen Bäumen
und kamen zu dem Ergebnis, dass die Allee erst um 1830 gepflanzt wurde, Jahre nach
Belthles Tod (1824). Genauer waren allerdings die Dendrodaten nicht zu bestimmen.
Man wollte aus technischen Gründen die Bohrkerne nicht am Wurzelansatz entnehmen.
Die Ungewissheit – wenn auch eingeschränkt auf wenige Jahre – blieb weiterhin bestehen.
Zu diesem Zeitpunkt erhielt das Stadtarchiv Kenntnis von den neuen Dendrodaten. Dort
waren schon vor Jahren die städtischen Rechnungen auf die Beschaffung von Platanensetzlingen
hin gesichtet worden. Allerdings nur die Jahrgänge bis 1824 – also bis zum
Tod des letzten Scharfrichters. Jetzt wurde die aufwändige Sichtung der Belege für die
Folgejahre wieder aufgenommen – mit Erfolg. Im Jahrgang 1828 fand sich der seit Jahren
gesuchte Beleg.


Viele Grüße

quellfelder

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JoachimSt
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Registriert: 18 Apr 2020, 20:04
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Re: Platanenallee in Tübingen

Beitrag von JoachimSt »

https://www.baumkunde.de/baumregister/3 ... tuebingen/

Hallo zusammen,

hier sind aktuelle Fotos vom 14.09.2020 von der (diesmal belaubten) Platanenallee.
Sie hat heute noch 84 von ursprünglich 96 Bäumen und ist 390 m lang.
Und absolut sehenswert.

Schöne Grüße, Jo
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Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt () das Urgesetz des Lebens. (Hermann Hesse)

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