Alte Lindenallee in Tübingen

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Moderatoren: Klaus Heinemann, baumlaeufer

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menkontre
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Alte Lindenallee in Tübingen

Beitrag von menkontre »

Die alte Lindenallee ist laut Tüpedia die älteste Baumanlage Tübingens. Sie beginnt bei den Sportanlagen und endet beim Wildermuth-Gymnasium. Sie stammt von 1508, als zunächst 40 Bäume auf einer Strecke von 700 m gepflanzt wurden, sozusagen als roter Teppich für die Besucher der Universität. Später sind weitere Bäume dazugekommen.
Früher diente die Allee den Verbindungsstudenten als „Naturkneipe“. Zu Fronleichnam kreiste dort ein biergefülltes Trinkhorn. (Wilfried Setzler: Der Streit um die Tübinger Alleen und die Heimatschutzbewegung)
Ende der 70er-Jahre wurde fast die Hälfte der Allee einer neuen Umgehungsstraße geopfert, die nun mitten durch die Allee führt und nur einen Teil davor und dahinter übrig lässt. Schließlich sollte dort 2005 eine neue Sporthalle gebaut werden. Diesmal gelang es allerdings der Bevölkerung mit massiven Protesten, eine weitere Zerstörung abzuwenden. Unter anderem wurde angeführt, dass die Linden eine geschützte Fledermausart beherbergen. (Quelle: Presseerklärung der Naturschutzvereine).
Die Allee besteht heute aus 43 Linden vor der Unterbrechung, und 10 dahinter. Schon lange führt hier keine Straße mehr durch, zwischen den Bäumen ist Wiese. Es wird geschätzt, dass noch 5 Linden aus der ersten Pflanzung erhalten sind. Diese sind nicht so unendlich dick, aber im Ensemble durchaus sehenswert. Einen der dicksten Bäume habe ich mit BHU 4,75 m gemessen. Zum Teil wachsen Efeu und jede Menge Misteln darauf. Zum Teil sind sie hohl oder es sind Äste abgebrochen.
Leider habe ich weder Früchte noch brauchbare Blätter gefunden, um die Art sicher zu bestimmen, kann das aber sicher gelegentlich nachreichen.
Die Lindenallee ist öffentlich zugänglich. Letzter Besuch 17.3.14. Am besten lässt man das Auto am Freibad stehen. Am Ende der Allee angekommen, kann man direkt auf die Neckarinsel einbiegen, und kommt durch das Seufzerwäldchen zur Platanenallee, die gesondert beschrieben wird.
Anfang Lindenallee N48° 30.69307 E9° 2.64642
Ende Lindenallee N48° 30.93948 E9° 2.83698
Landkreis Tübingen
Ausgezeichnete Quelle mit Beschreibung der Allee und weiteren Links: http://www.tuepedia.de/index.php/Alte_Lindenallee
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menkontre
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Beitrag von menkontre »

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Spinnich
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Beitrag von Spinnich »

Hallo Anke

wirklich tolle Bäume und sehr bedauerlich, daß da schon soviele von unverantwortlichen Planern für den Straßenbau geopfert wurden.

Daß dabei die ohnehin raren natürlichen Wohn- und Fortpflanzungsstätten von baumgebundenen Fledermäusen zerstört wurden - um so schlimmer.

Falls die Verantwortlichen nicht schon von uns gegangen sind - wenn die so geil auf Asphalt sind - sollte man die vielleicht nachträglich noch federn und teeren, auch wenn beim Teeren der Straße streng genommen kein Teer (aus Steinkohle) verwendet wird, sondern Bitumen (aus Erdöl).

Ein Glück, daß sich die Leute nicht mehr alles gefallen lassen.

Gruß Spinnich :wink:
Das Talent der Menschen, sich einen Lebensraum zu schaffen, wird nur durch ihr Talent übertroffen, ihn zu zerstören.
- Georg Christoph Lichtenberg -

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baumlaeufer
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Beitrag von baumlaeufer »

Die Allee ist als NR 3604 im Register

Baumlaeufer
Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt (Khalil Gibran)
www.na-tour-denkmal.de

wolfachim_roland
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Beitrag von wolfachim_roland »

Auf den Bildern 017 und 074 sieht man sehr gut, warum Linden so alt werden. Wenn sie innerlich verrotten, bilden sich von innen heraus mit hilfe des Mulchs neue Wurzeltriebe, die den Baum stabilisieren. So sind alte Linden oft innen hohl und außen erkennt man die neuen Stützwurzeln.
Wolf Roland

menkontre
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Beitrag von menkontre »

Hallo Wolf, den Mechanismus hast Du interessant beschrieben. Oft sieht es aus wie ein neuer Baumstamm im Baum, manchmal ähnelt es fast einem Ficus. Ich habe das in Deutschland tatsächlich bisher nur bei Linden gesehen. Können das noch andere Bäume?
Die Ergänzungsfotos stammen aus derselben Allee.

Hallo Spinnich, offensichtlich kennst Du Dich mit den Fledermäusen aus? Hast du eine Idee, welche da in Frage kommen? Vielleicht Abendsegler? Das mit dem Federn sollten wir uns lieber noch mal gut überlegen. Bist Du sicher, daß das mit dem Vogelschutz vereinbar ist?

Gruß, Anke
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pgs
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Beitrag von pgs »

Ja, das ist wirklich erstaunlich mit diesen Wurzeltrieben als zusätzliche Stützpfeiler ausgehöhlter Stämme!
Hatte ich bisher noch nichts davon gehört.

Danke für die tollen Fotos, Anke; und natürlich für den Hinweis auf dieses besondere Phänomen, Wolf!
Zuletzt geändert von pgs am 25 Mär 2014, 05:57, insgesamt 1-mal geändert.
beste Grüße von Holger/PGS

Spinnich
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Alte Lindenallee in Tübingen

Beitrag von Spinnich »

Hallo Anke,

Fledermäuse sind für mich ein Thema, insofern ich mich seit letztem Jahr beim regionalen Fledermausschutz einbringe und natürlich auch ein bischen Informationen gesammelt habe, über die Arten, die in meinem Landkreis vorkommen.
Ich durfte im Februar mit den etablierten regionalen Fledermausschützern und den Fachbeauftragten der Naturschutzbehörden und dem nordbayerischen Staatsbeauftragten für Fledermausschutz gemeinsam die reginalen Winterquartiere besuchen und bei der Bestandsüberprüfung und Bestimmung der vorgefundenen Tiere mitwirken.

Auch beim Anbringen von Fledermausnistkästen an geeigneten Waldbäumen durfe ich kürzlich mitwirken.

Zu der Bedeutung von solchen alten Alleebäumen für Fledermäuse würde ich die Bedeutung der Bäume für diese Tiere wie folgt formulieren.

Zunächst ist es so, daß es neben Arten, die ihre natürlichen Quartiere auch im Sommer eher in Höhlen und Felsritzen suchen (z.B.: Hufeisennasen), wohl die Mehrzahl der ca. 25 in Deutschland vorkommenden Arten natürlicherweise in Baumhöhlen oder unter abstehender Rinde ihre Quartiere suchen.

Einige Arten finden sozusagen als Kulturfolger (Hufeisennasen, Mausohr, Zwergfledermäuse), andere eher als Notlösung Ersatzquartiere auch in und an Gebäuden, nicht nur Kirchtürmen, Dachböden, Ställen und Scheunen, sonder auch an Fassden selbst von Hochhäusern (großer Abendsegler).

Auch hier ist zu bedenken, daß mitunter nur die weiblichen Tiere ihren Nachwuchs in dieser Umgebung teils in großen Kolonien aufziehen, das gilt aber nicht zwangsläüfig für die männlichen Individuen.

Darüberhinaus benötigen speziell die Arten, die nicht in Städten, Dörfern, Ställen (gibt es ja auch kaum noch), Gärten und sogar an Straßenlaternen nach Nahrung suchen, sondern bevorzugt in Wäldern (Waldwegen oder Baumkronen), Waldrändern, Wegrainen, Hecken, Wiesen, Parks (Alleen) oder an baumbestandenen Gewässern, auch während der Nahrungssuche bzw. außerhalb der Fortpflanzungszeit Zwischenquartiere und Ruhequartiere in ihren Jagdräumen.

Besonders an solche natürliche Unterkünfte in alten Bäumen und Spechthöhlen gebunden sind z.B.: Bechsteinfledermaus, Kleiner Abendsegler, Wasserfledermaus u. Rauhhautfledermaus, während Großer Abendsegler (auch Gebäudespalten), Braunes Langohr (auch Dachstühle), Mopsfledermaus (oft auch in Gebäuden), Fransenfledermaus u. Bartfledermäuse (auch in Scheunen) den Lebensraum Wald, Park etc. zur Nahrungssuche benötigen, aber bei der Quartiersuche schon mal ausweichen (auch in Nistkästen im Wald, denn geignete Baumhöhlen/Altbäume gibt es kaum).
Das große Mausohr jagd ebenfalls in Wald und Baumbeständen, die Fortpflanzung findet aber vorwiegend in großen Kolonien, oft alten Kirchtürmen statt.

Der Wert solcher Bäume ist daher nicht hoch genüg einzuschätzen um die langsame Erholung der Arten zu begünstigen, die vor wenigen Jahrzehnten durch ungehemmten Gifteinsatz und Lebensraumvernichtung zum allergrößten Teil fast vollständig ausgerottet waren.

Gruß Spinnich :shock:
Das Talent der Menschen, sich einen Lebensraum zu schaffen, wird nur durch ihr Talent übertroffen, ihn zu zerstören.
- Georg Christoph Lichtenberg -

menkontre
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Beitrag von menkontre »

Hallo Spinnich, herzlichen Dank für diese interessante Ergänzung. Die Linden werden mir gleich noch sympathischer, wenn ich sie als Lebensraum sehen kann. Die Fledermäuse sind wirklich bemerkenswerte Tiere, die glücklicherweise in Tübingen eine sehr aktive Lobby haben. Im Schloss und auf dem Dachboden einer alten Dorfkirche gibt es große Kolonien. Gruß, Anke

quellfelder
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Beitrag von quellfelder »

Hallo,

unsere Kirchlinde war in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts auch stark gefährdet und so beschloß man, das Faule des Stammes zu beseitigen; man beseitigte mindestens den halben Umfang und stützte sie ab. Mit einem Drahtseil, das mit einer Buche verbunden war, wurde das Umstürzen verhindert. Als sie Stützwurzeln trieb und und wieder standhaft war, entfernte man die Drahtseile.
Heute sieht das so aus.

Viele Grüße

quellfelder

pgs
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Beitrag von pgs »

Wirklich sehr beeindruckend wie sich so eine alte Linde selbst wieder stabilisieren kann!

Tolle Fotos, quellfelder, danke!

Ist diese schöne Baum-Geschichte irgendwo hier oder anderswo dokumentiert?
beste Grüße von Holger/PGS

quellfelder
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Beitrag von quellfelder »

Hallo,

ich versuche diese Linde noch in das Baumregister zu bringen, obwohl man ihr den ursprünglichen Umfang natürlich nicht ansieht.

Viele Grüße

quellfelder

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