Borke - was ist das hier?

Ihr habt einen Nadelbaum/ Strauch (Konifere) in Deutschland oder Europa gesehen, könnt ihn aber nicht bestimmen? Fragt hier einfach danach.

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QustionJens
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Borke - was ist das hier?

Beitrag von QustionJens »

Moin zusammen!

Habe heute einige Kiefern gesehen, die in Richtung Wetterseite in gleichem Höhenabstand abstehende Borke hatte. Im Internet konnte ich dazu überhaupt nichts finden.

Meine Vermutung: Niederschlag läuft nicht an der gesamten Borke Richtung Boden, sondern fällt durch die herabstehende Borke auf den Boden. Folge: Weniger Nässe an Borke = weniger Pilzbefall. Außerdem ggf weniger Verdunstung auf der Baumoberfläche, sondern Aufnahme des Niederschlags im Boden und anschließend Wurzel.

Was könnt ihr mir dazu fundiertes sagen?

Vielen Dank und beste Grüße ;)
PS: Das Foto ist nicht von mir selbst, sondern aus dient nur als Beispiel. Werde zeitnah noch eigene Fotos hochladen ;)
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biloba
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von biloba »

Hat da jemand mit spitzen Steigeisen den Baum erklommen?


Hellseherische Grüße!

Yogibaer
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von Yogibaer »

Nein hat er nicht. Das ist eine sogenannte Kragenkiefer. Meistens sind die Kragen auf der Sonnenseite stärker ausgeprägt als auf der nördlichen Seite. Soll durch Sonneneinstrahlung in Verbindung mit trockener Luft entstehen.
Gruß Yogi

biloba
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von biloba »

Also in den Baumlisten habe ich keine Kragenkiefer gefunden.

Merquürdige Grüße!

QustionJens
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von QustionJens »

Danke erstmal! Das hätten ich nie gefunden.

Habe mich jetzt mal versucht schlau zu machen - die Informationen zur Kragenkiefer sind aber sehr rar. In den wissenschaftlichen Publikationen werden sie zwar erwähnt, eine sich offenbar auf das Phänomen konzentrierende Studie konnte ich finden - aber leider nur auf litauisch :/
Ansonsten findet man unter dem Stichwort "Kragenkiefer" / " Pinus slvestris L. annulata" aber fast nichts (auch in den Datenbanken auf floraweb - Bund für Naturschutz - kein Eintrag).
Wenn noch jemand etwas fundiertes dazu findet, würde ich mich sehr freuen! Bin bei dem Thema noch Neuling.. :D

Zumindest ist dieses Phänomen eher rar?

Beste Grüße

Spinnich
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von Spinnich »

Ich habe auch vergeblich nach dem Begriff gesucht, lediglich in einem Exkursionsbericht nach Polen (im Bialowieza-Urwald) wird mal der Besuch einer sogenannten Kragenkiefer erwähnt, leider ohne weitere Hinweise zu dem Phänomen.
Gibt es eventuell einen anderen forstlichen Fachausdruck, unter dem man etwas zu der Besonderheit findet, und gibt es das auch an anderen Baumarten.

fragt Spinnich :roll:
Das Talent der Menschen, sich einen Lebensraum zu schaffen, wird nur durch ihr Talent übertroffen, ihn zu zerstören.
- Georg Christoph Lichtenberg -

Yogibaer
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von Yogibaer »

Der vollständige Name dieser Kiefer lautete einst: Pinus sylvestris L. ssp. annulata Caspary.
Wer war Caspary? Zitat Wikipedia:
Johann Xaver Robert Caspary (* 29. Januar 1818 in Königsberg; † 18. September 1887 auf dem Rittergut Illwo im Landkreis Flatow) war ein ostpreußischer, deutscher Botaniker. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „Casp.“
Bedeutung
Casparys forschte in sehr vielen Bereichen der Botanik; seine Schwerpunkte lagen in der Floristik (hier besonders von Süßwasserpflanzen) und der Systematik unter anderem der Seerosengewächse (Nymphaeaceae) und der Lorbeergewächse (Lauraceae) sowie in der Pflanzenmorphologie. Auf letzterem Teilgebiet der Botanik studierte er vor allem das Wachstum der Bäume, interessierte sich für Bildungsabweichungen derselben, sowie über den Aufbau der Leitgefäße von Pflanzen. ...
Im Landkreis Stendal sollen mindestens zwei Exemplare dieser Bäume stehen.http://forum.fluegelvieh.de/showthread. ... 632&page=5
Vielleicht kann Rainer Lippert etwas über den User "Lupus" sagen, dieser hat von ihm Fotos veröffentlicht.
Zur Ursache der Anomalie werden wohl meiner Meinung nach die Wachstumsunterschiede über den ehemaligen Astquirlen mit beitragen.
Gruß Yogi

QustionJens
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von QustionJens »

Dankeschön!
Ich war heute nochmal am Waldrand, um eigene Fotos zu machen. Das Foto aus dem verlinkten Beitrag war auch das einzige, was ich überhaupt gefunden hatte.

Habe hier noch einmal ein Detailfoto von der Ablösung der Borke.

Die Exemplare mit wesentlich stärkerer Erscheinung sind leider nicht so schnell zu Fuß erreichbar. Werde aber in den nächsten Tagen/Wochen nochmal neue eigene Bilder hochladen.
Mfg
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Spinnich
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von Spinnich »

Hallo Yogi

Das hilft immerhin schon mal weiter, siehe der Verweis auf Jerzego Karpińskiego oraz Szymona Wierdaka in Nadleśnictwo Browsk und Bild der Kragenkiefer, die ja schon in Yogis Link zu Forum Flügelvieh im gleichen Zusammenhang erwähnt werden (auch dort Bilder der Kragenkiefer und Verweis auf Białowieża)
leider kann ich kein Polnisch aber im Forumslink (Flügelvieh) steht zu der Form Pinus sylvestris L. annulata: "Bäume in dieser Form von Rinde sind sporadisch, und die Rinde in Wirbeln ragt in einer gekachelten Form hervor und bildet eine Halskrause um den Stamm. Bisher ist der Ursprung der Schälschuppen unbekannt,..."

In einer mir verständlicheren Sprache finde ich auch noch mal in einem Bericht über 'Trees of Bialowieza Nationalpark' einige Infos zu der außergewöhnlichen Erscheinungsform der Waldkiefer: "The Białowieża National Park is also famous for so called 'f. annulata' pines growing in the area. The origin of characteristic 'bark flange', which appears on a pine bark, is not clear. Some associate it with various sun exposure of which the result is heating up the bark of such a tree by the Sun but it is only one of many theories."

Es würde unserem Forum gut zu Gesicht stehen, wenn im Steckbrief Pinus sylvestris auch Hinweise zu dieser besonderen Erscheinungsform und ihrer dendrologischen Besonderheit aufgeführt werden können.

LG Spinnich :mrgreen:
Zuletzt geändert von Spinnich am 02 Mär 2021, 13:53, insgesamt 1-mal geändert.
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biloba
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von biloba »

Hallo Jens,

darf man erfahren, in welcher Gegend diese Kragenkiefern zu besichtigen wären?


Neugierige Grüße!

QustionJens
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von QustionJens »

Klar

Der am ausgeprägteste Baum steht circa hier in der Nähe:
52,4323365, 9,9385785
(Genauere Geodaten werde ich hochladen, wenn ich vor Ort Fotos machen kann)

Das Detailfoto (dort stehen ein paar, aber mit sehr schwach ausgeprägtem Phänomen) stammt hier her:
52,4230247, 9,9431748 - direkt am Wegesrand (siehe Foto aus diesem Beitrag)

Beste Grüße
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bee
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von bee »

Hallo,
nur zur Schreibweise der Koordinaten: Google Maps mag die Zahlen nur mit einem Punkt nach der 52 -
also so: 52.4323365, 9.9385785
Viele Grüße von bee

Spinnich
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von Spinnich »

Wie heute gelernt, gibt es auch den Begriff Schuppenkiefer, dieser ist allerdings auch für andere "normale" Borkengestaltung" außerhalb des Bereichs der Spiegelrinde in Gebrauch.
Man findet aber mit diesem Begriff weitere Exemplare mit abstehenden quirlig angeordneten Schuppen.
Auch bei der DDG wird das Phänomen der Kragenkiefer unter dem Begriff Schuppenkiefer beschrieben.

Danke für den Hinweis an Herrn Moritz

LG Spinnich :wink:
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QustionJens
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von QustionJens »

Moin!

Ich habe heute noch einmal neue Fotos gemacht.

Standort: 52.4313221, 9.9350433

Beste Grüße
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Yogibaer
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Re: Borke - was ist das hier?

Beitrag von Yogibaer »

Yogibaer hat geschrieben:
01 Mär 2021, 13:58
Zur Ursache der Anomalie werden wohl meiner Meinung nach die Wachstumsunterschiede über den ehemaligen Astquirlen mit beitragen.
Mit den neuen Bildern sehe ich mich in meiner Meinung zu Ursache bestärkt.
Diese Kiefer hat im Verhältnis zu den anderen viele Seitentriebe gebildet was zulasten des Terminaltrieb-Wachstums führte. Ich vermute hier eine phytohormonelle Störung. Forstwirtschaftlich werden solche Exemplare wegen der Holzqualität nicht gern gesehen.
Es war in Kiefergegenden in früherer Zeit durchaus üblich diese auch als Weihnachtsbäume zu verwenden. Da wurden solche vielastigen Exemplare aus den Dickungen dafür ausgesucht. Es gab so gut wie noch keine Weihnachtsbaumplantagen und die heutige Transportlogistik war auch noch nicht vorhanden.
Dies wird wohl zu einer heutigen, verhältnismäßig seltenen Anzahl solcher Bäume geführt haben. In 80+x Jahren gibt es vielleicht mehr davon, weil sich die Bewirtschaftung des Waldes zurzeit ändert.
Gruß Yogi

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