Seltsame Zypresse

Ihr habt einen Nadelbaum/ Strauch (Konifere) in Deutschland oder Europa gesehen, könnt ihn aber nicht bestimmen? Fragt hier einfach danach.

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Kiefernspezi
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Seltsame Zypresse

Beitrag von Kiefernspezi » 28 Mär 2017, 22:17

Hallo,

wie versprochen war ich heute im herrlichen Palmengarten in Frankfurt. Dazu an anderer Stelle weitere Bilder.
Gestolpert bin ich über eine ziemlich mächtige Zypresse, die ich auf den ersten Blick für eine Monterey-Zypresse gehalten habe (typisch zedernartiger Habitus). Allerdings zeigt sie nicht dunkelgrüne, sondern bläuliche Schuppen, zeigt sehr auffällig große, gelbe männliche Blüten (typisch für sempervirens) und auch sehr große Zapfen, die eher rundlich sind (eher typisch C. macrocarpa).
Der Baum ist mit Cupressus sempervirens f. horizontales ausgeschrieben.
Nur so richtig mag ich nicht dran glauben. Die Zapfen sehen C. macrocarpa verdächtig ähnlich und zeigen wie diese (die europäischen Zuchtformen) verrückt-chaotische Zapfenschuppen-Konstruktionen.
Könnte es sich auch um eine Hybride zwischen beiden handeln? Oder was ganz anderes?

Bin gespannt, was Ihr dazu meint.

Viele Grüße
Dateianhänge
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Das Schild erklärt sich deutlich. Die Rinde aber kann ich nicht klar zuordnen, liegt meiner Ansicht nach zwischen beiden Arten
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Baumhabitus - von weitem scheinbar ganz typisch Cupressus macrocarpa
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Die oberen vier Schuppen stehen normal paarweise gegenüber. Die Schuppen darunter aber haben sich zwischen die Kreuzachsen eingenistet. Solche und ähnliche Zapfengebilde kenne ich bislang nur von C. macrocarpa - was natürlich nicht heißen mag, dass es das
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Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi » 29 Mär 2017, 00:52

Mhm, ich glaube doch, dass es eine reine Monterey-Zypresse ist. Aber blau?
Gibt es solche Sorten?

Viele Grüße

Cryptomeria
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Beitrag von Cryptomeria » 29 Mär 2017, 14:04

Aus eigener Erfahrung kann ich nichts beitragen, wobei ich keine blauen Sorten ( außer Hybriden ) kenne.
Aus Lexikon der Nadelbäume zu sempervirens:" Schon Linné differenzierte zwischen sempervirens a und b. Gegenwärtig trennt man die forstlich wichtige Varietät Horizontalis von der als Zierform dominierenden var. Stricta ( syn. Pyramidalis, Fastigiata ). Allein die Varietät Horizontalis - sie hat waagrecht abstehende Äste 1.Ordnung - kommt natürlich vor."
Und"...unabhängig von der Kronenform weist sempervirens eine umfangreiche intraspezifische Variation in der Blattfarbe, in der Zapfen - und Samenmorphologie und in biochemischen Merkmalen auf..."
VG Wolfgang
Wer Bäume pflanzt und weiß,dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird hat angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen.

Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi » 03 Apr 2017, 21:40

Hallo,

ich habe mal ein Foto aus meinem Archiv heraus gekramt.
Also das ist ganz typisch die var. horizontalis.
Die sieht m.E. nach ganz anders aus als der Baum im Palmengarten. Viel dichter und meist auch schlanker, keine so herausschießenden Einzelzweige, wie sie ja für C. macrocarpa so typisch sind.
Vermutlich würde man auch bei Ermittlung des Pflanzdatums feststellen, dass die Zuwachsraten deutlich höher sind als bei einer vergleichbar alten Mittelmeer-Zypresse. Ich versuche das in Erfahrung zu bringen und messe den Stammumfang - der so oder so Deutschlands dickster dieser Art sein dürfte - entweder für C. sempervirens oder für C. macrocarpa. :D

Viele Grüße
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Cupressus sempervirens var. horizontalis Habitus
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Kiefer
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Beitrag von Kiefer » 03 Apr 2017, 22:41

Mein Verdacht bezüglich des Frankfurter Baumes wäre ja schlicht eine leylandii, wie auch immer die aktuell mit "Vornamen" heißen mag.

Ich habe nämlich auch eine im Garten und war lange unsicher, was es nun ist, eine richtige Zypresse oder doch eine nootkatensis, weil quasi alle gängigen leylandii- Bilder bei Google anders aussahen.

Nun steht unsere aber auf 'nem extremeren Standort innerhalb eines extremen Standorts, quasi. Also höchstwahrscheinlich auf im Untergrund altem Siedlungsschutt, relativ dicht neben einer Straße (Verdichtung) und durch das alles ziemlich trocken, und das innerhalb des doch eher kühlfeuchten, oftmals windigen Westerwalds- weshalb sie auch weit nicht die diesem Gehölz nachgesagte Wuchsstärke von 1 m im Jahr hat.
Also recht verschieden zu den nahezu ideale Bedingungen bietenden Tieflandstandorten auf tiefgründigen, fett- humosen Marschböden der deutschen Baumschulgegenden (Ammerland etc.), wo ja die meisten dieser Musterfotos geschossen werden.

Und wir wissen ja von vielerlei Beispielen, wie verschiedene Standorte vor allem Koniferen in ihrem Habitus beeinflussen können... Sowas vermute ich auch bei der Frankfurter Pflanze, die aufgrund des kompakten Habitus vllt. hoch anstehendes Grundgestein oder ähnliches unter sich hat, und würde sie aufgrund Farbe, Habitus, Zweigbild, Rinde, des doch stark abholzigen Stamms und durchaus auch des Zapfens für eine leylandii halten wollen.

Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi » 03 Apr 2017, 23:21

Hallo,

sehr interessant. An C. leylandii - eigentlich das Naheliegendste - hatte ich aufgrund der Größe der Zapfen nicht gedacht. Diese erreichen mit bis zu 3 cm Länge die Dimension von Macrocarpa-Zapfen.
Doch auch das habe ich bereits erlebt: manchmal können Zapfen überproportional groß werden.
Was mich skeptisch stimmt: Die vierkantigen, überhaupt nicht im geringsten abgeflachten Zweige, wie sie bei der Leyland-Zypresse vorzufinden sein müssten. Zudem sind sie ungewöhnlich dick.
Als Hybrid mit Beteiligung der Nootka-Zypresse bleiben die Zapfen meist klein (1,5-2 cm). Vor allem besitzen sie meist nur 6 Schuppen.
Die an dem Baum im Palmengarten gefundenen Zapfen zeigen überwiegend mehr Schuppen, teils 9.
Bestimmt finden sich bei Gelegenheit noch ein paar Leylandii-Zapfen zum Vergleich.
Ebenso erstaunlich fand ich die intensiv gelbe Pollen-Blüte, die mich stark an die der Arizona-Zypressen erinnert hat. Diese und verwandte Arten scheiden jedoch wegen der fehlenden weißen Harzdrüsen aus.
Dateianhänge
DSC02919.JPG
gelbe Pollenblüten und blaue Zweige - aber fehlende Harzdrüsen
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Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi » 04 Apr 2017, 20:44

Hallo,

heute war ich wieder bei dem Baum. Anbei einige Aufnahmen.
Einen Gärtner vor Ort habe ich nach der Pflanzung gefragt. Er meinte, der Baum wäre 40-50 Jahre alt.
Heute hat er einen BHU in 1,30 von 2,50 m.
Für eine Mittelmeer-Zypresse wäre das ein rasantes Wachstum!
Der Gärtner bezeichnete den Baum auch als sehr schnell wachsend.

Einige Bilder habe ich angehängt, die eine sichere Bestimmung vielleicht sogar ermöglichen, der sich besonders gut bei den Zypressen auskennt.

Vergleich von Zweigen und Zapfen der Leyland-Zypresse reiche ich nach.

Viele Grüße
Dateianhänge
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Noch einmal der Habitus ohne Gegenlicht
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Der BHU beträgt 2,50 cm
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Die Zweige sind vierkantig - nicht abgeflacht wie bei einer Hybride
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Die Zweige strecken sich sehr weit weg vom Stamm und sind teils hängend
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Zapfen findet man teilweise gehäuft in Gruppen - wie bei sämtlichen Zypressen bekannt.
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Zuletzt geändert von Kiefernspezi am 04 Apr 2017, 20:53, insgesamt 1-mal geändert.

Kiefer
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Beitrag von Kiefer » 04 Apr 2017, 20:51

Hm, ich finde das schnelle Wachstum recht überzeugend für leylandii. Die Zapfen sind sicherlich sehr groß und die Verzweigung des fertilen Holzes sehr zypressenartig, aber wie ich herausgefunden habe, ist die leylandii doch fähig, fertile Samen zu bilden.
Was die Frage mit der Gattungshybride wieder unter ein anderes Fragezeichen stellt, weil eigentlich schon Hybriden echter Arten steril sein sollten, aber das führt jetzt sicher etwas zu weit.

Vielleicht ist dieser Baum ja ein eigener Sämling des Palmengartens, den man zur Beobachtung an relativ unprominentem Ort aufschulte, war dann aber doch nicht spektakulär genug für eine eigene Sorte...

Jedenfalls spricht auch das sehr bewegte Kronenäußere mit den ziemlich typischen Triebspitzen sehr für leylandii, ebenso wie das Stammdetail und die Rinde. Aber auch wenn es "nur" eine solche wäre, ein schmuck Bäumchen ist dies Exemplar dennoch :D!

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Beitrag von Kiefernspezi » 13 Apr 2017, 22:37

Also ich lege mich wohl eher auf Cupressus macrocarpa fest und hoffe, dass die Sämlinge genau so blau werden wie das Original.
Bin heute endlich dazu gekommen, mir noch einmal verschiedene Bäume und auch Zapfen anzuschauen.
Natürlich sieht man auf den ersten Blick die Ähnlichkeiten im Gesamthabitus. Doch im Detail sind deutliche Unterschiede erkennbar.
Die Schuppen unterscheiden sich deutlich und zeigen stark die Merkmale der Nootka-Zypresse, während der Gesamthabitus recht unterschiedlich sein kann. Manchmal sind die Zweige recht aufstrebend oder waagerecht, machmal hängend. Auch die Farbe kann leicht variieren, aber weniger das Erscheinungsbild der Blattschuppen.
Insgesamt sind die Zweige wesentlich filigraner als bei der Monterey-Zypresse und sind leicht abgeflacht und oft insgesamt eher zweidimensional ausgerichtet - Langtrieb dreidimensional, Seitentriebe zweidimensional.

Die Zapfen bleiben deutlich in der Größe hinter denen der Monterey-Zypresse zurück und besitzen - wie ich letztens bereits aus dem Gedächtnis heraus angesprochen habe - nur 3 Schuppenpaare.
Dateianhänge
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stark abholziger Baum, ca. 40 Jahre alt
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Jüngere Bäume
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Zweig mit deutlich spitz zulaufenden Blattschuppen
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Blüten
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Zapfen
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Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi » 21 Apr 2017, 22:02

Verzwickte Angelegenheit.
Hat denn noch jemand anderes ne Meinung dazu?
Immerhin sprechen auch einige Argumente gegen die Monterey-Zypresse (Cupressus macrocarpa). Zum Beispiel neben der Winterhärte die blaue Farbe.
Vielleicht noch was ganz anderes?

Viele Grüße

Hessekopp
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Beitrag von Hessekopp » 22 Apr 2017, 08:36

Laß mich da was übersehen haben, aber bei ner blauen Zypresse habe ich zuallererst Cupressus arizonica 'Glauca' im Kopf.
Die stand hier nie zur Debatte, also werde ich was übersehen haben (Zapfen nicht genug bedornt?)
Edith hat grad was von fehlenden Harzdrüsen weiter oben gelesen, also doch was übersehen. :D
Bild

Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi » 22 Apr 2017, 09:11

Hallo,

die blauen Zweige mit den gelben Blüten und die teilweise gehäuft wachsenden Zapfen haben mich auch über Cupressus arizonica oder eine nahe verwandte Art grübeln lassen. Die arttypischen Harzdrüsen fehlen, die Rinde passt nicht und der Baum wächst zu schnell. Auch der Habitus ist ein anderer.
Aber vielleicht haben wir es mit einer Hybride, z.B. C. Monterey x bakeri zu tun? Würde jedenfalls die Winterhärte besser erklären.
:D

chrisstonycreek
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Beitrag von chrisstonycreek » 27 Apr 2017, 10:11

Hallo,

also, da ich ja von Bäumen nicht so die Ahnung habe, habe ich erst mal gezögert mit der Antwort.

Allerdings habe ich früher in der Nähe von Giessen gewohnt und dort als Floristin gearbeitet.

Für die Gedenktags- und Adventsbinderei haben wir u. A. immer ein Nadelholz verwendet, welches genau so aussah. Wir haben es als "Glauca" eingekauft.

Die Bäume habe ich nie gesehen, ich weiss nur, dass die Zweige aus dem Vogelsberg kamen.

Liebe Grüsse
Christine

Kiefernspezi
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Beitrag von Kiefernspezi » 27 Apr 2017, 10:20

Hallo, das ist ja das verblüffende: die Zweigdetails sehen denen der Arizona-zypresse sehr ähnlich. Vermutlich stammen die in der Floristik verwendeten Zweige dieser Zypresse.
Doch der gesuchte Baum ist vermutlich keine. Ich stelle bei Gelegenheit Vergleichsbilder ein. Oder hat jemand zufällig welche bei der Hand von der Arizona-zypresse?

Viele Grüße

trauermücke
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seltsame zypresse

Beitrag von trauermücke » 30 Apr 2017, 08:46

Könnte es sich eventuell um Cupressocyparis notabilis oder C. ovensii handeln?

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