Eschenholz und Eibenholz

Hier findet ihr Platz für sonstige Themen

Moderatoren: stefan, LCV, tormi

Roseo-Marginata
Beiträge: 997
Registriert: 22 Mai 2007, 22:14
Wohnort: Düsseldorf

Beitrag von Roseo-Marginata »

Liebe Baumfreunde,

die Tatsache, dass die Esche sich so stark durchsetzt und schnell wächst, wird es sicher begünstigt haben, dass man sie für Waffen (z.B. Speere), und Gebrauchsgegenstände (z.B.Besenstiele) und anderes gern und viel verwendet hat. Die Holzeigenschaften sind dabei natürlich die Voraussetzung, die bringt sie ja mit. Also gute Qualität, und dann auch noch effizient. Deswegen hat man es wohl auch bestraft, wenn diese wichtigen Materiallieferanten gefällt wurden.
Es interessiert mich aber nach wie vor sehr, wie es mit dem Verhältnis Esche und Eibe aussieht. Beide haben mythologische Bedeutung, wie ich höre. Die Eibe hat wohl vor allem die Bogen geliefert. Die Eibe vor allem hat auch schon sehr viel früher Holz geliefert, wie Crypto schreibt. Ist die Eibe pflanzengeschichtlich älter? Haben beide mythologisch einen ähnlichen Stellenwert?
Eschen wurden vor allem in der Nähe von Burgen gepflanzt. Wo wurden Eiben gepflanzt? Überall?
Ich fände es interessant, dazu etwas herauszufinden.
LG Roseo

tormi
Moderator
Beiträge: 5728
Registriert: 07 Feb 2007, 19:42
Wohnort: Hinkel, Luxemburg

Beitrag von tormi »

Hallo Roseo,
bis ins 16Jhdt wurden Eiben in England benutzt um Langbogen herzustellen. Die Briten gewannen dadurch so manche Schlacht gegen die Schotten und Franzosen. Sie rotteten die Eibe aber fast schonungslos auf der Insel aus. Nur noch wenige natürlich Reliktvorkommen und die Exemplare auf den Friedhöfen wurden verschont, indes begannen die englischen Könige Eibenholz aus Spanien und aus den Hansestädten der Nord- und Ostsee zu importieren. Die europäische Population erholte sich nie mehr von dieser Periode.

Anfang der 1980er Jahre wurde Paclitaxil, eine aus Eibenholz gewonnene Substanz als Krebsmittel entdeckt. Nachdem Pharmafirmen fast den gesamten Bestand der Pazifischen Eibe (Taxus brevifolia) in den USA ausgerottet hatten, rettete die halbsynthetische Herstellung des Wirkstoffes die letzten Bäume.
In China wurden zur Befriedigung der weltweiten nachfrage bei Yantei 2 Millionen Eiben gepflanzt. Weitere 5 Millionen an den Hängen von Sichuan, teilweise aber auch als Schutz gegen Erosion.

Es gibt auch sehr viele Mythen und Sagen um die Eibe. Die Kelten waren die ersten 'Eroberer' Irlands dessen alter Name Ierne war, das bedeutet 'Eibeninsel'.
Es gibt aber noch viele andere Beispiele
LG Nalis

wolfram
Beiträge: 3419
Registriert: 03 Mai 2007, 16:59

Beitrag von wolfram »

tormi hat geschrieben: Bei slawischen Völker war der Glaube verbreitet, Schlangen würden den Schatten der Eschen fürchten. Wanderer könnten sich deshalb unbesorgt zur Rast unter den Blätterdach einer Esche niederlassen.
Dieser Aberglaube ist seit dem Altertum bis ins 19.Jh. weit verbreitet gewesen, nicht nur bei den Slawen.
In einem alten Kräuterbuch (16.jh.) kann man lesen:

wolfram
Beiträge: 3419
Registriert: 03 Mai 2007, 16:59

Beitrag von wolfram »

tormi hat geschrieben:indes begannen die englischen Könige Eibenholz aus Spanien und aus den Hansestädten der Nord- und Ostsee zu importieren. Die europäische Population erholte sich nie mehr von dieser Periode.
Nicht nur die englischen Könige haben da gesündigt, auch die dänischen. Die haben nämlich die Eibenbestände der Insel Rügen in ihrem Kopenhagener Schloß verbaut. Wenigstens haben sie damit keine Kriege geführt.

Gruß
Wolfram

Harztroll
Beiträge: 681
Registriert: 18 Aug 2005, 17:30
Wohnort: Magdeburg
Kontaktdaten:

Beitrag von Harztroll »

In der nordischen Mythologie bildet die Weltenesche Yggdrasil einen zentralen Punkt. Sie brührt alle (neun) Welten und verknüpft Himmel und Erde.
Ihre Krone überragt den Himmel Asgard, ihre Äste und Zweige treiben durch die ganze Welt bis Utgard und ihre drei Wurzeln dringen zu den Hrimthursen, nach Niflheim und zu den Asen (Gylfaginning, 15) bzw. den Menschen (Grimnirlied, 29).
Interessant ist, daß jener Weltenbaum schon damals mit "Schädlingen" zu kämpfen hatte:
Am Brunnen Hvergelmir liegt die Schlange Nidhöggr (male pungens caedens) und nagt die Wurzel. Zwischen ihr und dem oben sitzenden Adler sucht Ratatöskr, das auf und nieder laufende Eichhorn, Zwist zu stiften. Des Adlers Name bleibt ungenannt, er ist ein kluger, vielwissender Vogel. Inmitten seiner Augen sitzt ein Habicht namens Vedrfölnir („der Wettermacher”), die vier Hirsche Dain, Dwalin, Dunneir und Durarthror beißen die Knospen ab (Gylfaginning, 16).

Weiteres Gewürm, das Yggdrasil an seinen Faserwurzeln zusetzt, heißt Goin und Moin, beides Söhne Grafwitnirs, weitere sind Grabak und Grafwöllud, Ofnir und Swafnir (Grimnirlied, 32).

Außer dem nagenden Drachen an der Wurzel und dem Äsen der Hirsche erleidet Yggdrasil noch Fäulnis des Stammes (Grimnirlied, 33).
Als Schiksalsbaum grühnt und blüht die Weltenesche immer; ihr Erzittern würde den Weltuntergang Ragnarök ankündigen.

Ich hab grad gelesen, daß es die Ansicht gibt, daß es sich bei Yggdrasil um eine Eibe und nicht um eine Esche handelt - ich kenn in allen Büchern, die ich dazu gelesen hab aber nur den Begriff "Weltenesche", eine Eibe fand in diesem Zusammenhang nie Erwähnung. Nichtsdestotrotz hatte auch die Eibe ihre mythologische Bedeutung. Man findet dazu folgendes:
Die vielleicht gerade wegen des Kontrastes von dunkelgrünen Nadeln und lebhaft roten Früchten oft düster wirkende Baum ist ein Symbol für Tod und Wiedergeburt. Dieses steht der Eibe wohl an, denn in ihr trifft der Tod in Form der giftigen Samen auf das dauernde Leben der immergrünen Nadeln, hinzu kommt ihr enormes Lebensalter von mehreren Jahrtausenden.

Germanische Gottheiten der Eibe sind Ull oder die Riesin Bestla. Die Eibe stand für die „Todesrune” Eihwaz, sie soll Krankheit und Unheil abwehren.

Dem Eibenholz wird die Eigenschaft zugebilligt, böse Dämonen zu vertreiben. Man trug ein Amulett aus Eibenholz, denn „vor Eiben kann kein Zauber bleiben” (FISCHER-RIZZI, 53). In der Zauberei schätzt man auch die Kraft der Eibe zum Bannen der Toten, dazu paßt, daß ihre Kraft Gelenke und Knochen schütze (MALA, 123).
Soweit dieser kleine Ausflug in die germanische Mythenwelt...
Viele Grüße
Ich sehe mich nach der Vergangenheit um, die ist verworren und finster wie ein abendlicher Wald, und die Zukunft ist ein Abgrund, voll von Nebel. - Löns -

tormi
Moderator
Beiträge: 5728
Registriert: 07 Feb 2007, 19:42
Wohnort: Hinkel, Luxemburg

Beitrag von tormi »

Ob Yggdrasil eine Esche oder Eibe war/ist scheint noch nicht ganz geklärt. In den isländischen Schrifften, wahrscheinlich von Snorri Sturluson(1178-1241), wird der Weltenbaum Yggdrasil als 'wintergrüne Nadelesche' beschrieben. Über die Jahrhunderte hinweg wurde wohl aus der Nadelesche eine einfache Esche. Das nordische 'ask' kann Esche heissen, aber auch 'scharf' oder 'spitz'.

Im Mythos hängt Odin, der Gott der Weisheit, neun Tage und Nächte an den Ästen Yggdrasils, mit dem Ziel einer Visionsreise, von der er die Runen mitbringt und den Menschen gibt.
Yggdrasil bedeutet 'Ross Odins', kann aber auch 'Träger des Ichs' (Stütze des Bewusstseins) heissen.

Die ältesten europäischen Namen der Eibe gehen auf das germanische iwe (iwa) zurück, das mit ihhe(a), der ersten Person Singular zusammenhängt. Im Angelsächsischen heisst 'Ich' (das bewusste Selbst) und 'Eibe' dasselbe. Ausserdem hängt iwe eng zusammen mit ewi, dem deutschen 'ewig'. Ein anderer angelsächsischer Name der Eibe, eo, stammt vom altdeutschen eo, 'ewig' und 'immer'.
Die Eibe war also schon immer der Spiegel des Bewusstseins.
(Mythologie der Bäume; Die Weisheit der Bäume)
Auf jeden Fall sehr spannende Geschichte
LG Nalis

Roseo-Marginata
Beiträge: 997
Registriert: 22 Mai 2007, 22:14
Wohnort: Düsseldorf

Beitrag von Roseo-Marginata »

Hallo zusammen,

das ist ja ungeheuerlich, was da zum Thema Eibe alles zusammenkommt! Danke für all die Infos! Also der enge Bezug zu 'Ich' und 'ewig' deutet ja doch auf einen ganz besonders hervorgehobenen Stellenwert der Eibe. Crypto hatte vorher schon geschrieben .'..Der älteste von Menschenhand geschaffene Holzgegenstand, der bisher entdeckt wurde, ist ein Eibenspeer, der vor etwa 250 000 Jahre benutzt wurde. ' Ist die Eibe pflanzengeschichtlich älter, oder eher Zufall, dass man ihr soviel Bedeutung beimißt? Oder alles nur wegen der Eignung für Bogen?
LG Roseo

tormi
Moderator
Beiträge: 5728
Registriert: 07 Feb 2007, 19:42
Wohnort: Hinkel, Luxemburg

Beitrag von tormi »

Die Eibe wurde früher als die Esche für Jagdwaffen benutzt. Die esche hingegen wurde verehrt. Der Baum war dem Meeresgott Poseidon geweiht. Bevor man auf eine Seereise ging pflückte man Eschentriebe als Glücksbringer. Der alte irische Name für Esche 'Nion', verbindet sie eng mit dem irischen Gott 'Nuadu'. Der Name dieses Gottes wird als wolkenmacher übersetzt. Eine Parallele zu der griechischen Tradition, wo Eschenzweige bei Regenzeremonien verwendet wurden. Die Esche trägt die Macht der Sonne in sich, sie herrscht daher über das Wasser (Meereszauber, Regenmacherrituale).
Die intensive Sonnenverehrung der Menschen fällt etwa mit der Bronzezeit zusammen. Damals wurden die steinzeitlichen Jagdwaffen aus Eibenholz gegen die Kampfwaffe des Eschenspeeres ersetzt.
LG Nalis

Brötchen
Beiträge: 1191
Registriert: 18 Mär 2007, 14:31
Wohnort: Hahnbach

Beitrag von Brötchen »

Hallo
das ist ineressant.

Grüße Martin

Roseo-Marginata
Beiträge: 997
Registriert: 22 Mai 2007, 22:14
Wohnort: Düsseldorf

Beitrag von Roseo-Marginata »

Vielen Dank erstmal, das ist ja alles unglaublich vielfältig und interessant. Muss ich erstmal sacken lassen.
LG Roseo

Antworten